Ein paar öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen mächtige Feinde genügten bereits, um die Anonymous-Bewegung weltweit bekannt zu machen und eine Art Robin-Hood-Legende um sie zu stricken, die von vielen Menschen mit mehr oder weniger heimlicher Bewunderung weitererzählt wird. Anonymous ist, wie der Name schon sagt, anonym. Es gibt keine Aufnahmeprozedur, kein wirklich festgeschriebenes Programm und keine Hierarchie. Auf den ersten Blick ein faszinierender Gedanke: Jeder, der dazugehören möchte, ist Mitglied von Anonymous und kann sich Aktionen anderer Mitglieder anschließen oder selbst welche starten. Einziger Mitgliedsausweis ist eine dauergrinsende Guy-Fawkes-Maske, die inzwischen überall erhältlich ist und ihren Herstellern einen wahren Goldregen beschert.
Auf Wikipedia heißt es aktuell über Anonymous:
»Da es keine – zumindest offensichtliche oder erkennbare – Hierarchie gibt, ist es auch grundsätzlich schwierig, Meldungen oder Informationen von Anonymous bezogen auf ihre Echtheit zu bestätigen. So kann bereits ein Einzelner aufgrund der Anonymität vermeintlich authentische Falschmeldungen produzieren.«
Da ist der Autor des Wikipedia-Artikels wohl in eine Denkfalle getappt: Nach dem Prinzip Anonymous kann es gar keine Falschmeldungen geben. Da Anonymous keine echte Struktur und kein festes Programm besitzt und jeder gleichberechtigtes Mitglied ist, der beschließt, es sein zu wollen, haben sowohl Heldentaten als auch Verbrechen unter der Maske von Anonymous Platz, je nach Entscheidung des einzelnen Mitglieds.

Der Herdentrieb der »Individualisten«
Gerade in der sogenannten »freien Welt« ist es nicht mehr modern, mit seinem vollen Namen hinter den eigenen Überzeugungen zu stehen, auch dann, wenn man keine allzu großen Nachteile zu befürchten hat. Im kuschligen Phantom-Kollektiv unterzuschlüpfen und zu sagen »Anonymous war es!« ist eben bequemer. Wohin das führen wird, ist ziemlich leicht absehbar. Es dürfte nur eine Frage sehr kurzer Zeit sein, bis Radikale aus allen Richtungen die Vorteile von Anonymous für sich nutzen werden. Mit einer Anonymous-Maske wird ein gewöhnlicher Bankraub zur »politisch motivierten Umverteilung«, ein DDOS-Angriff oder großflächiges Stehlen von Kundendaten durch Hacker wird zum bewunderten »Geniestreich«, ja: Anonymous rächt sich stellvertretend für alle, die das Gefühl haben, irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Das erbeutete Geld dient selbstverständlich einem edlen Zweck: Anonymous. Was genau geschehen wird, wenn Rassisten oder religiöse Fundamentalisten die Vorteile der Anonymous-Maske entdecken, sollte man sich besser nicht ausmalen. Für den Anfang tut es auch schon gewöhnliches Mobbing, das als cooler Anonymous viel mehr Spaß macht, weil Anonymous den Menschen vorgaukelt, hinter einer Einzelmeinung stehe ein ganzes Kollektiv.
»Anonymous ist der Meinung, dass …«
Wer die Maske aufsetzt, dessen Meinung scheint plötzlich zu zählen. Denn Anonymous hat inzwischen Millionen von Mitgliedern. Wenn nicht sogar Tausende. Niemand weiß es genau, und eben das ist der Zweck der Übung. Anonymous als geheime Weltmacht, deren Meinung zählt, auch wenn es in Wirklichkeit irgendein frustrierter Loser ist, der mit Schwarzwälder Kirschtorten auf Ex-Verteidigungsminister wirft.
Ich für meinen Teil weiß schon, was ich tun werde, wenn mir ein Mensch mit Anonymous-Maske seine Meinung aufdrängen will: Ich werde ihm das Grinseding abnehmen, mit ihm einen Kaffee trinken gehen und ihn fragen, wo ihn eigentlich der Schuh drückt.
Tigerauge
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