Finale auf RTL: Bauer sucht Frau
Welcher ist der wichtigste Beruf überhaupt? – Stellt man diese Frage, so erhält man spontan Aussagen wie: »Bundeskanzler« oder »Bundespräsident«. Besonnenere Gemüter antworten auch gerne mal mit »Mutter« oder »Kindergärtnerin«. Was meist nicht wirklich ernst gemeint ist, eher als Feigenblatt, aber den Antwortenden zumindest als reflektierenden Zeitgenossen auszeichnet, der nicht so leicht auf den schönen Anschein hereinfällt.
Einige Berufe werden bei den Überlegungen meist nicht in Erwägung gezogen. Dazu gehört auf jeden Fall der Beruf des Bauern, heute etwas verschämt »Landwirt« genannt. Dass der Begriff »Landwirt« überhaupt entstanden ist, das ist einer einzigen Tatsache geschuldet: dem Fakt nämlich, dass Arbeit umso höher geschätzt wird, je leichter sie ist. Körperlich gesehen. Wer heute noch wesentlichen Körpereinsatz benötigt, um sein Geld zu verdienen, der ist nicht sehr hoch angesehen, Spitzensportler einmal ausgenommen. Schwer für sein Geld zu schwitzen, das gilt landläufig als Synonym für Dummheit, gebe es doch zahlreiche andere Möglichkeiten, deren Nutzung allerdings eine gewisse intellektuelle Ausstattung voraussetze, so lautet das unausgesprochene Credo der Gesellschaft.
Nun gibt es gewisse Berufsgruppen, auf die beim besten Willen nicht verzichtet werden kann, auch, wenn daran gearbeitet wird. Jüngere und Menschen mittleren Alters werden das aus der Schule kennen: Ein Land gilt als umso entwickelter, je weniger Menschen im Primären Sektor tätig sein müssen. Primärer Sektor. Die Landwirtschaft. Je weniger Menschen sich mit der Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse beschäftigen müssen, umso entwickelter ist nach dieser Lesart das Land. Solchen Mist haben wir alle mal gelernt.

Diesem Weltbild ist es geschuldet, dass Bauern heute politisch-korrekt »Landwirte« genannt werden müssen, da alles andere menschenunwürdig wäre. Dies hat dazu geführt, dass Bauern heute zur allgemeinen Erheiterung vorgeführt werden können. »Bauer sucht Frau«. Klar. Welche Frau möchte schon mit einem Loser zu tun haben, der im wahrsten Sinne des Wortes für sein Geld ackert? Also muss das Fernsehen her, um ihm die dringend ersehnte Partnerin zu beschaffen. So weit, so gut. Doch die an der RTL-Sendung »Bauer sucht Frau« teilnehmenden Landwirte bezahlen einen hohen Preis für eine zweifelhafte Hoffnung: Sie lassen sich vor den Augen einer ganzen Nation vorführen. Als einfältig, sexuell unerfahren oder ein wenig naiv. Nicht anders die beteiligten Frauen: Sie degradieren sich in diesem Format zum Überbleibsel aus einem Resteverkauf.
Dabei ist die zur Schau gestellte, angebliche Naivität der Teilnehmenden nichts anderes, als der Blick durch die zynische Brille, die irgendwelche Fernsehredakteure den Zuschauern aufsetzen. Zynismus, das ist eine Eigenschaft, die bei vielen Bauern wenig entwickelt ist. Geradlinig und direkt sind die meisten von ihnen veranlagt und haben keinerlei Abwehrmechanismen gegen die Umtriebe von Fernsehsendern und deren abgefuckten Konzepten. Wie zum Beispiel gegen die Zumutung, ausgerechnet die Musik aus dem Film »Last Unicorn (Letztes Einhorn)« einer Abschiedsszene zu unterlegen, die dadurch einen schmierigen Unterton bekommt, der real sicher nie vorhanden war, und von dem der betreffende Bauer wahrscheinlich nichts weiß.
Ach, wäre das schön, wenn RTL für die nächste Staffel einfach keine teilnehmenden Bauern mehr fände. Und wenn die wichtigsten Menschen in unserer Gesellschaft sich ihrer Bedeutung bewusst würden.
Tigerauge
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