Geschichten, wie Sie das Leben schreibt – Eine Frau auf Stellensuche berichtet auf sarkastische Weise von ihren Erlebnissen und Misserfolgen bei verschiedensten Vorstellungsgesprächen.
Teil 1.
Wer nicht verheiratet ist, der ist verdächtig
Wer geschieden ist, der wird besonders in ländlichen Regionen gerne mal schief angeguckt, denn dort, wo die Familie das Beste und Schönste ist, was es gibt, sind geschiedene Frauen Fremdkörper. Das merkt man auch beim Bewerbungsgespräch.
Tatort: ein Mittelklassehotel.
Stellenbeschreibung: Eine Dame mittleren Alters für die Rezeption gesucht.
Voraussetzungen: gepflegte Erscheinung, Computerkenntnisse, sichere Rechtschreibung, sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache. Gut wäre auch Englisch, ist aber keine Pflicht. Zudem sollte die Bewerberin flexibel sein, was heißt, in regelmäßigen Abständen müsste auch an einem Wochenende oder an einem Feiertag gearbeitet werden. Außerdem sollte sie verheiratet sein. Davon stand allerdings nicht in der Anzeige. Und es spielt ja wohl auch keine Rolle, welchen Familienstand man hat, wenn man Hotelgäste begrüßen und ihnen beim Ein- und Auschecken behilflich sein soll. Wer genauso denkt, der irrt, denn es gibt immer noch Menschen, die Vorbehalte gegenüber allein stehenden Frauen haben.
Wie zum Beispiel der etwas aus der Form gegangene Herr im schwarzen Anzug, der aufgrund der Leibesfülle nicht mehr so richtig passte. „Sie erfüllen ja alle Voraussetzungen, und Englisch sprechen Sie auch noch! Das ist ja prima!” Sehe ich da etwa einen Silberstreif am Horizont? „Wenn Ihnen auch das Arbeiten am Wochenende nichts ausmacht, dann sehe ich da keine Probleme!” Toll, ich hab den Job! „Moment mal, Sie haben angegeben, dass Sie nicht verheiratet sind. Sind Sie etwa geschieden?” Ja, und? Kommt schließlich in den besten Familien vor. „Oder machen Sie sich nichts aus Männern?” Das war schon hart an der Grenze. „Ich meine, ich bin da offen – sind Sie lesbisch?”
Jetzt wurde die Grenze gerade überschritten. Aufstehen und gehen ist in diesem Fall meiner Meinung nach die einzig richtige Reaktion.

Teil 2.
Besser nicht vom Dorf!
Auf einem Dorf zu leben, hat seine Vorzüge: Die Ruhe und die gute Luft sind nur zwei davon. Wenn es aber um einen Job geht, dann sollte man als Adresse besser eine viel befahrene, laute und ungesunde Straße angeben können, denn sonst steht man etwas blöd da.
Bewerbungsgespräche in einem mittelgroßen Fachgeschäft für Damenoberbekleidung in der Fußgängerzone einer mittelgroßen Kleinstadt können mit dem Hintergrund „Dorf” sonst nämlich folgendermaßen ablaufen:
Der Geschäftsführer: „Sie kommen also aus R.? Schöne Gegend mit so viel Wald!” Dabei blickt der Herr im teuren Anzug andachtsvoll auf seine Schuhe. „Gibt es da überhaupt öffentliche Verkehrsmittel?” Was hat er sich denn bei dieser Frage gedacht? Dass kleine Dörfer von der Außenwelt komplett abgeschnitten sind? „Aber was ist im Winter? Ich meine, da, wo Sie wohnen, das liegt doch recht hoch?” Wie hoch? Mount-Everest-Höhe? Auf die Antwort, es gibt auch Autos, hat er wahrscheinlich nur gewartet. „Sicher können Sie auch mit dem Auto fahren, aber da brauchen Sie bei Schnee und Eis am Morgen doch sicher Stunden!” Ja, und? Dann steht man halt ein halbes Stündchen eher auf. „Sicher müssen Sie ja am Morgen auch noch die Kühe melken und die Schweine füttern!” Klar, alles, was auf dem Dorf lebt, hat auch jede Menge Nutzvieh! „Kurz und gut, wir suchen eigentlich jemanden der in der Stadt wohnt und flexibel ist!” Jetzt ist es endlich raus! Der Herr im feinen Anzug sucht eine Mitarbeiterin, die um die Ecke wohnt und nach Möglichkeit zu jeder möglichen und auch unmöglichen Zeit springen kann, wenn er pfeift – pardon, wenn er anruft. Und das Ganze natürlich zum vereinbarten Gehalt und ohne Zuschlag für die Überstunden.
Da bleib ich doch lieber in meinem Dorf und gucke verträumt in den Wald.
Fortsetzung
Tigerauge
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Jobwunder Leiharbeit

Sehr guter Beitrag! Mehr davon! :biggrin: :clap: Ich finde die Kommentare zu den Fragen des Unternehmers bzw. Personal-Verantwortlichen so gut. Was mich allerdings doch noch interessieren würde: wer hat denn diese Geschichte erzählt, bzw. erlebt? Das Leben auf dem Dorf ist doch wunderbar, die Leute haben gute Laune und sind glücklich, mehr kann man doch gar nicht erwarten !