Brandaktuell: Amoklauf mit 16 Toten
„Un-erhört“ – Amokläufer – Komasäufer
Der Amokläufer Robert Steinhäuser, der 2002 zwölf Lehrer, zwei Schüler und einen Polizisten erschoss, handelte nach jahrelangen frustrierenden Erlebnissen vermeintlich ungerechter Behandlung durch Lehrer und Schule.
Der Amokläufer Sebastian Boose, der 2006 fünf Menschen anschoss und sich anschließend das Leben nahm, tat dies, weil ihm sein ganzes Leben sinnlos und ungerecht erschien.
2007 wird durch aufmerksame Mitschüler ein Amoklauf verhindert. Der Amokläufer nimmt sich daraufhin das Leben.
Die Motive, die den 17jährige Amokläufer Tim K. veranlasst haben, heute, am 11. März 2009, 16 Menschen zu erschießen und zwei Polizisten zu verletzen, wurden noch nicht bekannt gegeben. Lediglich, dass er ein ehemaliger Schüler der Realschule in Winnende war.
Zwar mit Schulabschluss aber verschlossen und ausgegrenzt.
Ein 14jähriger, der seinem Leben während eines Komasaufens ein Ende bereitete, tat dies, weil das schnelle Trinken von Unmengen Alkohol, ihn regelmäßig in einen Zustand des „Nichtspürens seiner sinnlosen Existenz“ versetzte.
Die letzte Nachricht passt nicht ins Thema? Gemeinsam ist diesen Meldungen, dass keiner dieser Schüler offensichtlich eine Chance sah, sich einen Platz in der Gesellschaft, in der sie lebten, zu erarbeiten. Dass sie keine Hilfe fanden für ihre Nöte und Probleme, sie waren verschlossen, antriebslos, orientierungslos, fühlten sich vereinsamt und im Stich gelassen.
Spätestens an dieser Stelle werden einige Leser auf die Palme gehen, weil sie der Meinung sind, dass man Menschen, die wahllos andere Menschen töten, nicht hinterfragen muss, denn damit würde man ihnen indirekt die Aufmerksamkeit schenken, die sie mit ihren Taten bezweckten. Wenn man aber ernsthaft fragt: „Warum tut jemand dieses oder jenes?“, dann muss man schon genau hinsehen, auch dann, wenn das genaue Hinsehen und Hinterfragen in Politik und Gesellschaft, nicht erwünscht ist.
Angela Merkel drückte es nach Erfurt so aus: „Wir müssen nicht verstehen und nachvollziehen, warum ein 19-Jähriger 16 Menschen und anschließend sich selbst erschossen hat. Aber wir müssen Konsequenzen ziehen, um ein weiteres Erfurt wenn nicht unmöglich, so doch weniger wahrscheinlich zu machen.“
Damit spricht sie vielen Menschen, die vor Entsetzen und Angst gelähmt sind, aus dem Herzen. Aber was heißt das eigentlich? Sollen wir aus unseren Schulen Festungen machen? Sollen sie von Polizei und Militär gesichert werden? Sollen Schüler nur nach Kontrollen und mit schusssicheren Westen das Schulgelände betreten dürfen? Sollen wir die Lehrer bewaffnen? Wie sahen denn die Konsequenzen aus, die die Politik gezogen hat? Und wie sehen die Ergebnisse dieser Konsequenzen aus? Die Antwort gibt der 11. März 2009: Politik und Gesellschaft stehen ohnmächtig vor den Scherben, die eine Jugend hinterlässt, die zu sich selbst kein Vertrauen hat, keine Zukunft für sich sieht, sich vernachlässigt und missverstanden fühlt. Der einzige Ausweg, den sie sehen, ist die Vernichtung derer, die sich für ihr Scheitern verantwortlich machen: Schule, Politik, Eltern, Gesellschaft. Ein Hilfeschrei aus tiefster Verzweiflung und Einsamkeit. Und die Antwort darauf, ist der Ruf aus der Spitze unserer Politik, nicht nach den Ursachen zu suchen?
Trinkende Jugendliche erregen nicht soviel Aufmerksamkeit wie Amokläufer. Sie schädigen auch „nur“ ihr eigenes Leben. Sie sind aber genauso Opfer einer Gesellschaft, deren wichtigstes Gut nicht mehr ihre Kinder, sondern materielle Werte und deren Schutz und Vermehrung sind. Und nichts ist dringender erforderlich, als die leisen Hilferufe zu hören, zu hinterfragen und unsere Kinder mit ihren Nöten und Sorgen wieder ernst zu nehmen, damit sie eben nicht, entweder ganz unspektakulär sich selbst auslöschen oder mit öffentlicher Präsenz ihre Mitschüler und Mitmenschen mit der gleichen Sinnlosigkeit niedermetzeln, die sie offenbar in sich spüren.
Tigerauge
Ergänzung:
Ähnliche Artikel, im gleichen Sinne zum Thema
Jugendliche und Alkohol, das Komasaufen
Exzessiven Alkoholkonsum stoppen
kann man hier im Olle Piepen Blog lesen.
Tags: Alkohol

23. März 2009 um 15:40
Hallo,
so grausam dieser Amoklauf auch gewesen ist, ich glaube nicht dass man so etwas komplett und für immer unterbinden kann. Es geht einfach nicht. Jemand, der eine solche Tat plant und ausdenkt, der findet auch Möglichkeiten sich eine Waffe zu organisieren. Ich kann die Kanzlerin und andere Politiker, die sich jetzt zu Wort melden, verstehen. Sie müssen ja was dazu sagen, sie müssen ja reagieren.
25. März 2009 um 11:52
Hi, ich bin eigentlich derselben Meinung. Ich denke nicht, dass man einen Amoklauf vorhersagen kann, auch wenn andere Leute das meinen. Ich denke wir brauchen in Deutschland einfach auch schärfere Waffengesetze. Mich nervt, dass das jetzt wieder aktuell ein Thema ist und dann in 2 -3 Wochen denkt schon keiner mehr darüber nach …
29. März 2009 um 10:50
Ehrlich gesagt, kann ich einfach nicht glauben, dass ein Jugendlicher, der eine solche Tat ausführt, nich vorab irgendwelche Signale gesendet hat. Das würde bedeuten, dass er von jetzt auf gleich grundlos ausgerastet ist.
Die meisten Amokläufer sind so verzweifelt und verletzt, dass sie einen gewissen Realitätsverlust erleiden. Ich will damit nicht sagen, dass die Eltern oder die Lehrer vielleicht diese Tat hätten verhindern können. Das wäre sicher auch nicht gerecht. Aber es ist oft so, dass pubertierende Jugendliche nicht immer ernst genommen werden, wenn sie mit Konsequenzen drohen, oder über ihre Probleme sprechen - oder eben gar nicht sprechen. Bei den meisten ist aber in dem Alter schon eine charakterliche Hemmschwelle im Verhalten manifestiert, die das Schlimmste verhindert. Wo diese Hemmschwelle niedrig ist, da reichen manchmal wenige Misserfolge, um sie zu überschreiten. Das eigentliche Problem liegt also weit zurück.
Die Eltern des Täters haben eine Chance auf ihre Warum-Frage irgendwann eine Antwort zu bekommen, wenn sie ehrlich mit sich sind. Diese Chance haben die Angehörigen der Opfer nicht.
Das ganze Leid gründet vermutlich darauf, dass Täter nicht die Zuwendung, Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen haben, die sie schon viele Jahre vorher gebraucht hätten. Ein zufriedener und ausgefüllter Mensch, der gelernt hat, seine Probleme anzufassen und mit Unterstützung und Verständnis der für ihn Verantwortlichen, aus der Welt zu schaffen, kommt einfach nicht auf die Idee, andere Menschen hinzurichten. Wenn man im Vorfeld derart sinnlose und schmerzliche Taten verhindern will, muss man Kinder und Jugendliche ernst nehmen, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken, Interesse für ihre Probleme zeigen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Schulpolitik ist da genauso gefragt. Die Klassen zu groß, die Lehrer überfordert, können sich nicht um die Einzelnen kümmern, Förderung bleibt auf der Strecke, Vertrauen kann nicht wachsen. Es kommt viel zusammen, bevor ein Mensch ausrastet.
Neben der Trauer um die getöteten Menschen, steht die Trauer, dass nach der Diskussion, wie jedesmal, nichts konkretes geschehen wird, dass unsere Kinder schützt und potentiellen Tätern aus ihren Lebenswirren hilft. Die nächsten Amokläufer wachsen schon unter uns auf. Im Grunde muss hier die gleiche Diskussion laufen, wie zum Thema Alkohol und Komasaufen. Die Motivation alles zu vernichten ist ähnlich der, sich selbst zu vernichten oder besinnungslos zu trinken.
16. April 2009 um 13:59
Einfach nur grausam, was da passiert ist. Ich kann es selbst noch nicht glauben, auch wenn mittlweile einige Zeit vergangen ist seit diesem schrecklichen Vorfall. Ich schätze dass in dem Städtchen Winnenden nichts mehr so wird, wie es vorher war!
17. April 2009 um 08:58
Ein wirklich sehr schlimmes Ereignis und man muss sich auch mal Gedanken machen um die Eltern des Amokläufers. Wie schlimm das für die sein muß. Soweit ich mitbekommen habe mussten die ihren alten Wohnsitz aufgeben, weil sie sich verständlicherweise nicht mehr in Winnenden aufhalten wollen oder können.