Ich bin sehr froh darüber, dass unsere Schulen das Problem der verfallenden zwischenmenschlichen Umgangskultur erkannt haben. Und dass sie entschlossen dagegen vorgehen. Mit wissenschaftlichen Methoden, versteht sich! Früher hätte man Schüler, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, mit einer klaren Ansage zur Räson gebracht. So etwas funktioniert heute selbstverständlich nicht mehr, denn schließlich sind wir eine fortschrittliche Gesellschaft. Heute nennen wir es »Mobbing«, wenn der Kevin-Nicklas den Torben-Jonas einen »abgefuckten Loser« nennt, der es im Leben »allenfalls zum Türsteher in dem Puff, in dem seine Mutter arbeitet« bringen werde.
Klar, der Hannes hätte vor dreißig Jahren noch eine satte Strafarbeit bekommen, wenn er zum Axel etwas Analoges gesagt hätte. Doch heute, Ihr Lieben, lösen wir so etwas anders!
Methodentag! So lautet das Zauberwort!
Am Montag früh betritt Torben-Jonas wie immer die Turnhalle zum Schulsport. Doch heute ist irgendetwas anders. Genauer gesagt: Er ist völlig alleine im Raum. Da er, Durchschnittssportler, der er ist, nicht davon ausgeht, dass er ein Einzeltraining für die Olympiade 2020 erhalten soll, zieht er sich wieder an und läuft zurück in die Schule. Da auch in der Klasse keiner ist, geht er ins Sekretariat, um sich zu erkundigen, ob heute ein Feiertag sei, den er vielleicht übersehen habe. Plötzlich verstellt ihm die Schuldirektorin den Weg.
»Hast Du keinen Unterricht heute, Junge?«, fragt sie spitznasig. Torben-Jonas, der sich durch die Anwesenheit der Direktorin ein wenig eingeschüchtert fühlt, stottert: »D-doch! Eigentlich T-turnen, aber meine Kla-la-lasse ist nicht da …«
»Haaaallooo? Geeeeht`s noooch?«, erkundigt sich die Direktorin. »Hat da vielleicht jemand vergessen, dass heute unser Methodentag ist? Zum Thema Freundliche Kommunikation? Kann es tatsächlich sein, dass ein Gymnasiast so unselbständig ist, dass er seine Termine nicht im Griff hat?«

Torben-Jonas fällt es wie Schuppen aus den Haaren. Klar! Am Freitag hat er es noch groß und fett am schwarzen Brett gesehen, dass heute ganztägig das Themenfeld Sozialkompetenz bearbeitet werden würde, und dass zu diesem Zwecke Kleber, Schere und ein Schnellhefter mitzubringen seien. Wie hatte er das nur vergessen können? Vielleicht weil ihm der Sinn nicht aufgegangen war? Sollte er den Kevin-Nicklas etwa mithilfe des Klebers in seinem Schnellhefter ablegen? Oder wie jetzt?
Torben-Jonas wird durch die schrille Stimme der Schuldirektorin jäh aus seinen Gedanken gerissen: »Also, los jetzt! Worauf wartest Du noch? Bist Du so ein kleines Träumerchen, oder tust Du nur so?«
Beschämt macht sich Torben-Jonas auf den Weg in die Aula. Dort hängt ja der Aktionsplan zum Thema Freundliche Kommunikation, der ihm Aufschluss darüber geben würde, in welchem Raum er seine fehlende Sozialkompetenz heute aufzustocken habe.
»Kleineeees Träumercheeeeen!«, tönt es plötzlich hinter ihm. Kevin-Nicklas, der hat ihm gerade noch gefehlt. Hatte der etwa durch die offene Tür alles mit angehört?
»Also wohin DU gehst, Du Loser, weiß ich ja nicht. ICH jedenfalls gehe jetzt das Arbeitsblatt kopieren, im Auftrag von Studienrat Müller«, kräht Kevin-Nicklas. Torben-Jonas schafft es gerade noch, einen schnellen Blick auf das Blatt zu werfen, mit dem Kevin-Nicklas triumphierend wedelt. »Wir sind alle Freunde«, liest er die Überschrift, eher er sich schnell abwendet …
Tigerauge
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