Karl-Theodor zu Guttenberg tritt zurück
Heute, am 1. März 2011, tritt Karl-Theodor zu Guttenberg von all seinen politischen Ämtern zurück. Zuerst einmal: Die Wahrheit hat gesiegt, nicht wahr? Die akademische Welt ist wieder in Ordnung, ein Lügner entlarvt, also zurück zur Tagesordnung.
Doch ist es wirklich so einfach? Ist nun der ultimative Schwindler gefunden, während alle anderen Politiker eine blütenweiße Weste tragen? Oder ist dies nur wieder einer dieser zufälligen Entlarvungen, vor denen nicht nur jeder Politiker, sondern auch jeder »normale« Mensch sich fürchtet?
Hand aufs Herz: Wo gibt es den Menschen, der im Leben noch nie gelogen hat? Erwarten wir vielleicht zuviel, wenn wir meinen, nur ein Mensch ohne jeden Fehl und Tadel solle ein offizielles Amt bekleiden? Ahnen wir nicht alle, dass mindestens 90 % aller Politiker zurücktreten müssten, wenn die Öffentlichkeit alles über sie wüsste? Hätte es nicht gereicht, wenn die Plagiierten eine Sammelklage gegen zu Guttenberg geführt und die ihnen zustehenden Tantiemen kassiert hätten?

Nicht immer bin ich mit Kanzlerin Merkel einer Meinung. Aber in diesem Fall zog sie den richtigen Schluss, als sie sagte, Amt und Doktortitel seien voneinander zu trennen, denn sie habe schließlich einen Verteidigungsminister gesucht, keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Eine schizophrene Haltung warf man ihr daraufhin vor. Doch war es das wirklich? Hätte ein Angestellter, der ansonsten gute Arbeit leistet, bei vergleichbaren Umtrieben in der Privatwirtschaft seinen Job verloren? – Ich denke eher: Nein. Zumindest dann nicht, wenn der Doktortitel nicht zwingend mit seiner Tätigkeit verknüpft ist. Einer Strafanzeige hätte er sich stellen müssen, eventuell einer Privatklage auf Schadenersatz, und irgendwann wäre es dann auch wieder gut gewesen.
Einen Menschen mit vielfachen Talenten wegen ein wenig bedrucktem Papier einfach so zu schlachten, und das ohne Aussicht auf politische Resozialisierung, das erscheint mir irrsinnig. Selbst Kindermörder bekommen in unserer verdrehten Gesellschaft eine zweite Chance. Werden wegen »guter Führung« irgendwann entlassen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihre Taten wiederholen. Dies sei ein Gebot der Menschenwürde, haut man uns um die Ohren, wenn wir als Bürger unsere Zweifel an diesem Irrsinn anmelden. Besteht denn die Gefahr, dass zu Guttenberg sein Vergehen wiederholt? – Wohl eher nicht. Nochmals wird er sich wohl kaum um einen Doktortitel bemühen.
Doch zu spät. Nun ist es passiert: Der Übeltäter ist weg, die Gerechtigkeit wiederhergestellt. Dass das Prinzip der Zweiten Chance hauptsächlich für Kinderschänder und andere Schwerverbrecher gilt, nicht aber für adlige Politiker (war uns das »zu« in seinem Namen nicht schon immer ein wenig suspekt?), das ist jetzt endgültig klargestellt.
Tigerauge
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