Ja, die stille Zeit. Besinnlichkeit, Ruhe und bedächtige Rückschau auf das vergangene Jahr zeichnen die Phase von Advent bis Neujahr aus, nicht wahr? Endlich mal durchatmen. Und weniger herumrennen. Die winterliche Verkehrslage macht sowieso keine Lust auf Vergnügungsfahrten, sollte man meinen. Kälte, Schnee und Dunkelheit veranlassen den Menschen, einen Gang herunterzuschalten, im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Zumindest dann, wenn er den Hinweisen der Natur folgt, die eine deutliche Sprache sprechen.
Doch wer tut das schon? Kaum ein Mensch, der sich vom Weihnachtsstress nicht mitreißen lässt. Hand aufs Herz: Kennen Sie jemanden, der am 27. Dezember nicht erleichtert aufatmet und verkündet: »Endlich ist Weihnachten vorbei und das Leben wird wieder normal!«?
Besonders störrische Zeitgenossen, die den speziellen Erfordernissen des Weihnachtsfestes trotzen, bekommen mit sanfter Gewalt auf anderen Wegen beigebracht, was sich im Dezember gehört.
Haben Sie Kinder? – Dann werden Sie wissen, was ich meine!
»Ach, übrigens: Morgen machen wir mit den Kindern eine Weihnachtsfeier. Bringen Sie bitte ein paar selbstgebackene Plätzchen dafür mit«, verkündet die Kindergärtnerin eines Tages und lächelt treuherzig, während sie das Wort selbstgebacken genüsslich auf der Zunge zergehen lässt. – Selbstgebacken. Woher nehmen, und nicht stehlen?, fragt Mama sich panisch und googelt, kaum heimgekommen, nach einem möglichst einfachen Rezept. Nein, ihr Kind soll nicht als einziges mit gekauftem Zeug dastehen, sagt sie sich entschlossen und schreitet zur Tat. Zwei Stunden lang manscht sie im Schweiße ihres Angesichts in der Küche herum, während sie sich unablässig fragt, ob gekaufte Plätzchen wohl eine Kindeswohlgefährdung darstellen. »Magst Du Mama helfen, Schatz?« – »Oooch, nein, ich spiel grad so schön.«
Am nächsten Tag sieht der Plätzchenteller nicht mal schlecht aus. Ein wenig Puderzucker noch, eine Folie drüber und ab geht’s in den Kindergarten, wo eine weihnachtlich-aufgeregte Erzieherin ihre Schützlinge schon erwartet. »O weh! Noch mehr Plätzchen?«, fragt sie und verdreht die Augen. »Wir haben jetzt schon so viele, die können die Kinder unmöglich alle essen. Nehmen Sie sie vielleicht einfach wieder mit, ja? Denken Sie aber bitte daran, Ihrem Kind morgen das Wichtelgeschenk mitzugeben!«
Kurz gesagt: Weihnachten ist reiner Wahnsinn, den nur wirklich duldsame Gemüter schadlos überstehen. Wie war das nochmal? Die meisten Scheidungen werden nach Weihnachten eingereicht? Weil die Gans zu braun geraten war und der Weihnachtsbaum zu krumm? Weil die Dauerbeschallung mit »Stille Nacht, heilige Nacht« zu psychischen Dauerschäden geführt hat, deren Folgen an anderer Stelle herausbrechen?
Weihnachten ist vorbei. Das Leben wieder lebenswert.
Die Plätzchenteller sind leer gefuttert, die Geschenke umgetauscht, die Wachsreste aus dem Wohnzimmerteppich gebügelt. Sie haben es geschafft und können sich mit einem zufriedenen Seufzer zurücklehnen. Endlich die wohlverdiente Ruhe genießen, während aus dem Kinderzimmer die lieblichen, weil durch die Tür gedämpften, Geräusche der Ballerspiele dröhnen, die der Nachwuchs sich zu Weihnachten gewünscht hat. Ein fast unwirkliches Gefühl erschöpfter Entspannung bemächtigt sich Ihrer. Doch leider dauert es nicht lange an: »Liebling, hast Du eigentlich schon nach dem Rezept für den Sylvestersalat gegoogelt?«
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Tigerauge
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