Erstaunlich schnell nach dem Rücktritt Christian Wulffs einigten sich die Spitzen von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen auf die Kür eines gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Wohl auch mit Blick auf die Umfragewerte stimmte Bundeskanzlerin Angela Merkel der Aufstellung Joachim Gaucks zu, nachdem sie nur etwa 600 Tage zuvor ihren Wunschkandidaten Wulff gegen Gauck durchgesetzt und damit eine Pleite erlebt hatte. Mag sein, dass sie auch deshalb nachgegeben hat, damit eventuelle künftige Eklats nicht mehr zu ihren Lasten gehen. Dennoch scheint es bei den Verhandlungen hoch hergegangen zu sein: »Wie die FDP die Kanzlerin erpresste«, betitelt FOCUS Online seinen Bericht über die heiße Phase. Da hat die FDP wohl eine Gelegenheit genutzt, nach der vergangenen glücklosen Phase ein wenig Boden gut zu machen und zur Abwechslung mal auf den Willen des Volkes zu hören, das sich laut Umfragen mit 49 % für Gauck ausspricht.
Die Bundesversammlung – ein Kasperletheater?
Die Führungsriegen der Parteien können wieder einmal nicht verbergen, dass es bei der Aufstellung eines Kandidaten für das höchste Amt im Staat zugeht wie auf einem Basar. Dieselben Menschen, die sich noch vor wenigen Tagen mit betroffenen Mienen über eine »drohende Beschädigung des Amtes« ausgelassen hatten, feilschen mit allen Mitteln, wenn es darum geht, parteitaktische Interessen durchzusetzen. Sogar das Wort »Erpressung« geistert nun durch die Medien, und dass man es der FDP bei nächster Gelegenheit »heimzahlen« werde. Dass es lediglich um eine Kandidatenfindung geht, die eigentliche Wahl durch die Bundesversammlung erst noch erfolgen muss, scheint ebenfalls keine Rolle zu spielen. Ist die Bundesversammlung nichts als eine Abnickveranstaltung? – Sieht so aus. Und niemanden scheint dies weiter zu stören.
Dass bei solch einem brechreizerregenden Vorgehen dennoch ein Kandidat mit der Klasse Joachim Gaucks das Rennen gemacht hat, kann man nur als einmaligen Glücksfall bezeichnen. Gauck erscheint weitgehend unberührt durch das Gezerre, hat er doch in seinem Leben schon weit Schlimmeres mitgemacht und inzwischen ein Alter erreicht, in dem man beginnt, das Leben durch eine kabarettistische Brille zu betrachten.

Schloss Bellevue Berlin, Bundespräsidialamt
Die Stärken von Joachim Gauck
Der aktuelle Politikbetrieb wird den künftigen Bundespräsidenten nicht wirklich erreichen, muss er ihm doch wie ein Sturm im Wasserglas erscheinen, nach allem, was er in seinem Leben durchgemacht hat. Nachdem sein Vater 1951 zunächst spurlos verschwunden war und erst 1955 aufgrund von Verhandlungen zwischen Adenauer und dem Moskauer Regime aus einem sibirischen Arbeitslager als Invalide entlassen wurde, entwickelte die Familie einen konsequenten Antikommunismus und die Ablehnung jeder staatlichen Obrigkeit. Joachim Gauck entschied sich schließlich für ein Studium der Theologie, von dem er sich unter DDR-Bedingungen den größtmöglichen geistigen Freiraum versprach. Mit dem Zusammenbruch der DDR 1989 wurde Gauck zu einer zentralen Figur der Bürgerrechtsbewegung und übernahm im wiedervereinigten Deutschland die Position eines »Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes« (Gauck-Behörde).
Gauck, der es im Laufe seines Lebens gelernt hat, die Dinge beim Namen zu nennen, wird für die unwürdige Berliner Politikmühle zum dringend notwendigen Sand im Getriebe werden, denn: Wer sollte ihn noch zum Schweigen bringen, nachdem er so lange für die Freiheit gekämpft hat?
Tigerauge
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Ich denke, dass das mehr eine Notlösung ist, damit man nicht schon wieder eine lange Debatte führen muss und kostbare Zeit verschwendet….Als ich gehört habe, dass die Merkel nachgegeben hat, dachte ich als erstes an eine bekannte Zahnbürstenwerbung und deren Slogen :)
Denke, Frau Merkel ist mit der Rettung des Euros mehr als beschäftigt…