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Jugendliche und Alkohol


Komasaufen.

Auch wir haben in jungen Jahren in Lingen wilde Feten gefeiert. Manchmal zu laut und manchmal wurde auch ein Schluck zuviel getrunken. Im Schnitt waren wir sechzehn, siebzehn Jahre und älter und die Feten waren besondere Events, die einige Wochen im Voraus geplant wurden. Schon deshalb, weil die Eltern zu diesem Zweck Garagen und Keller frei räumten, die wir dann mit Matratzen und Teekisten ausstatten durften, damit es gemütlich wurde. Wir fanden das klasse von den Alten und die konnten unsere ganze Horde einigermaßen unter Kontrolle halten. Wenn einer zu tief ins Glas guckte, dann schritten Erwachsene frühzeitig ein und sorgten dafür, dass derjenige nach Hause gefahren und ins Bett gesteckt wurde, bevor es ihm richtig schlecht ging. Irgendwie hatten die Eltern es damals drauf, uns unter Aufsicht feiern zu lassen, ohne dass wir uns kontrolliert fühlten. Auf diesen Feiern wurde diskutiert, Gitarre gespielt, gesungen, getanzt und erste Kontakte zum anderen Geschlecht geknüpft.


Heute scheint das völlig anders zu laufen und ein Gespenst geht um. Das Gespenst hat einen Namen, bei dem mir Angst und Bange wird: „Komasaufen“. Und als ob das nicht schon allein Entsetzen hervorruft, ist dieses Gespenst gerade bei sehr jungen Menschen, zwölf-, vierzehnjährigen Kindern, zu einer normalen Form des Wettbewerbs geworden. Das hat rein gar nichts mehr zu tun, mit dem, was wir früher taten.

Es bedarf zum Komasaufen lediglich einer mehr oder weniger ungestörten Park- oder Straßenecke und reichlich harten Alkohols. Diesen gilt es so schnell wie möglich in großen Mengen zu trinken. Immer öfter hört und liest man davon oder kennt es auch schon aus der Nachbarschaft, dass Kinder mit schwersten Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Es gibt sogar Todesfälle zu beklagen.

Ein Kind im Koma und das noch beabsichtigt! Und das mit zwölf oder dreizehn Jahren? Warum will ein junger Mensch sich in einen Zustand versetzen, in dem er nicht mehr klar sehen und denken kann? Warum setzt er sein Leben aufs Spiel? Will er von dem freien Wochenende oder Abend nichts mehr mitbekommen? Will er nicht mit den anderen Spaß haben und aufregende Dinge erleben? Wieso bekommt er dafür auch noch Anerkennung von manchen Zeitgenossen? Und wo sind die Eltern, wenn ihr Kind nachts nicht zu Hause ist?

Mir fällt dazu das Beispiel von dem angeblich „bösen Kind“ ein. Es macht laufend Dinge kaputt und hält sich an keine Regeln. Dafür wird es ausgeschimpft oder geschlagen. Macht es keinen Unsinn und verhält sich unauffällig, bemerkt es keiner – so als würde es nicht existieren. Da fragt sich doch das Kind, ob es nicht mehr Aufmerksamkeit und Interesse bekommt, wenn es Unfug macht. Wie enttäuschend ist ein Kind, das nur dann Aufmerksamkeit bekommt – sei sie auch noch so unangenehm – wenn es sich nicht an Regeln hält!

Hat das Komasaufen einen ähnlichen Hintergrund? Von den Kumpels gibt es Anfeuerungsrufe, Schulterklopfen und überschwängliches Lob. „Ein toller Kerl!“ Bewunderung von allen Seiten! Ist es so, dass es sonst nirgendwo eine Möglichkeit gibt, für diese Kinder, sich Anerkennung und Lob abzuholen? Sind diese Kinder, die sich selbst fast zerstören, das Ergebnis von Gleichgültigkeit und Desinteresse der Eltern und Erwachsenen? Hat niemand sie an die Hand genommen und ihnen gezeigt, wie sie Anerkennung bekommen können?

Wenn zu Hause der Alkohol bei Eltern täglicher Begleiter ist, dann wundert es nicht, dass bei einigen Kindern die Hemmschwelle nicht nur tief gelegt, sondern gar nicht vorhanden ist.
Eltern müssen ihren Kindern Aufmerksamkeit und Zeit schenken, ihnen das Gefühl geben, das dass, was sie sind und tun, wertvoll und beachtenswert ist. Ein Mensch, der sich anerkannt und geliebt fühlt, wird sich nicht wissentlich auf Situationen einlassen, die ihn das Leben kosten können. Im Grunde sendet ein Kind mit seiner Vollrauschaktion, die auf der Intensivstation endet, eine klare Botschaft: „Ich bin hilflos und brauche intensive Zuwendung!“

Tigerauge


1 Kommentar

  1. Früher war ich bei fast jeder Disco Abend so was von besoffen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es sinnlos ist. Einerseits Gesundheitlich, andererseits auch wegen dem Geldbeutel :)

    Mit gehts auch, ohne gehts besser! *mein-Motto* :)

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