Kürzlich veröffentlichte die Leipziger Volkszeitung die Ergebnisse einer Umfrage. Demnach sind 69 % der Befragten der Meinung, die Angst vor Arbeitslosigkeit sei der Hauptgrund, weshalb sich viele Menschen in Deutschland gegen eigene Kinder entscheiden würden. Kann das wirklich wahr sein? Betrachten wir die Fakten: Noch immer sind wir eines der reichsten Länder der Welt, mit einem der höchst entwickelten Sozialsysteme. Dennoch haben wir inzwischen mit die niedrigste Geburtenrate in Europa überhaupt.
Betrachten wir ein anderes Extrembeispiel: Das afrikanische Land Niger, mit einer Rate von 7,4 Geburten pro Frau. Nicht einmal Dürrekatastrophen und lebensbedrohende Armut halten dort die Menschen davon ab, sich sogar im Übermaß zu vermehren. Ein Zustand, den sich hier natürlich niemand wünscht. Aber: Zwischen einem Durchschnitt von 7,4 Kindern und gar keinem Nachwuchs besteht ein solch eklatanter Unterschied, dass mich die Frage denn doch interessiert, woran unsere Kinderunlust nun wirklich liegt. Die Antwort ist:
Wir sind ein kinderfeindliches Land
Kürzlich musste sich der Bundestag mit einem neuen Gesetz beschäftigen: Festgeschrieben wurde, dass niemand das Recht hat, vor einem deutschen Gericht eine Klage wegen Kinderlärms zu führen. Beschäftigte sich das Parlament rein zufällig damit, weil es gerade nichts Besseres zu tun hatte? – Nein! Die Klageflut war derartig angewachsen, dass Rechtssicherheit dringend erforderlich war. Andernfalls hätten reihenweise Kindergärten wegen »unzumutbarer Lärmemission« schließen müssen.
Klar ist: Je mehr Menschen sich in ihrer aktiven Zeit, aus welchen Gründen auch immer, gegen eigene Kinder entscheiden (bzw. ungewollt kinderlos bleiben), desto größer wird mit der Zeit die Zahl älterer, frustrierter Leute, die irgendwann das Gefühl haben, das Entscheidende im Leben verpasst zu haben. Finanziell sind sie abgesichert bis über den Tod hinaus, denn sie konnten ihre ganze Kraft dem Erwerb von immer mehr Reichtümern widmen. Und so sitzen sie in einem Alter, in dem andere mit ihren Enkelkindern spielen, mit dem Lärmmessgerät am Fenster und überlegen, ob Kinderlärm und das Geräusch von Presslufthämmern juristisch gleichzusetzen seien.

Klage führen können sie nun nicht mehr. Also suchen sie andere Wege, Eltern kleiner Kinder das Leben schwer zu machen. »Den Kinderwagen können Sie nicht im Hausflur abstellen! Dadurch fühle ich mich belästigt!«, erzählen sie einer Mutter dann schon mal, nicht ohne einen dezenten Hinweis nachzuschieben, dass »diese Art der Rücksichtslosigkeit« es wohl gewesen sei, die den Kindsvater vertrieben habe. Und: »Was soll nur aus den armen Würmchen werden, mit einer Mutter wie Ihnen?«
Nur geborene Hardcore-Mütter sind heute noch wild entschlossen, dem Leben wenigstens ein einziges Kind abzutrotzen. Dafür nehmen sie dann auch ein Dasein als absolute No-Go-Außenseiterin in Kauf. Wer sich nicht so sicher ist, das alles aushalten zu können, verzichtet dann eben auf Nachwuchs. Und sitzt vielleicht irgendwann ebenfalls mit einem Lärmmessgerät am Fenster und wartet auf das nächste Geräusch aus der Wohnung oben, da, wo sich Menschen das natürliche Recht auf Kinder und hörbares Kinderleben gönnen, ohne dass eine Gesellschaft sich selbst auslöscht.
Tigerauge
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