Kindesmissbrauch ist Mord an der Seele
Sprachlosigkeit.
Das ist das, was viele Missbrauchsopfer ihr Leben lang ertragen. Besonders dann, wenn der Missbrauch in der Kindheit stattgefunden hat. Besonders dann, wenn er von Menschen begangen wurde, von denen sie abhängig waren, die ihnen Vorbild sein sollten, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit versprochen haben.
Schuldgefühle.
Sie sind ein Grundgefühl, das Missbrauchsopfer ihr Leben mit sich herumtragen. Tagein, tagaus gehen sie mit Schuldgefühlen durch das Leben, ohne zu wissen, welche Schuld sie tragen. Der Verstand weiß sehr wohl, dass sie keine Schuld trifft. Das Gefühl jedoch vermittelt etwas anderes.
Unsicherheit.
Missbrauchte Kinder sind zerbrochene Kinder. Der Missbrauch, der ihnen angetan wurde, wirkt sich verheerend auf ihr Selbstwertgefühl aus. Missbrauchsopfer neigen ihr Leben lang dazu sich selbst so abzuwerten, wie es der Mensch getan hat, der sie missbraucht hat.
Krankheit.
Kindesmissbrauch verursacht keine Verhaltensstörung, sondern hinterlässt eine Prägung in den Seelen, die auch die beste Verhaltenstherapie nicht wettmachen kann. Auch die Zeit heilt nicht die Wunden. Denn oft genug ist der Missbrauch derart unerträglich, dass die Psyche die Geschehnisse ins tiefste Unterbewusstsein verdrängt und nicht mehr klar erinnert werden. Die seelischen Verletzungen sind derart tief, dass die Verdrängung die einzige Möglichkeit ist, ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Nicht selten bahnt sich die Verletzung dennoch Raum und drückt sich im späteren Leben in psychischen Abhängigkeiten wie Alkoholismus, Drogenmissbrauch oder durch Borderline-Erkrankungen und diverse Formen von Depressionen aus. Damit wird ein missbrauchtes Kind als Erwachsener gestraft ohne irgendeine eigene Mitschuld.
Seit es Menschen gibt, gibt es neben den normal veranlagten Individuen, die ein natürliches Gespür dafür haben, dass Kinder absolutes Recht auf Schutz und Hilfe haben, auch die Heuchler und Verfechter der Doppelmoral. Es gibt sie in Familien, im Bekanntenkreis, in Vereinen und überall dort, wo Menschen ihre Macht über Schutzbefohlene uneingeschränkt ausleben können. Sie predigen Wasser und trinken Wein. Oder sie predigen gar erwachsenen Menschen sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe und vergehen sich an Kindern, setzen sie unter psychischen Druck und zwingen sie zum Schweigen. Und wie sich in diesen Tagen zeigt, ist der Missbrauch besonders gut zu vollziehen, wo Institutionen hinter dicken Mauern wirken, sich selbst zu Hütern der einzigen Wahrheit ernennen, sich von niemandem in die Karten gucken lassen und unter der Kutte der Heuchelei, schalten und walten können wie es ihnen beliebt.

Das Unaussprechliche wurde geduldet
Man fragt sich, wie kann es sein, dass Kinder im großen Stil über Jahre hinweg missbraucht werden – und zwar mit Wissen der Verantwortlichen. Der Missbrauch, der jetzt endlich aufgedeckt wird, geschah nicht vereinzelt im Verborgenen, sondern wurde bewusst verschleiert und geduldet. Das war nur möglich, weil die Opfer verstummt sind vor Scham und seelischer Pein. Jetzt endlich bricht die Mauer des Schweigens und endlich sind einige Mutige angefangen zu sprechen, anzuklagen, aufzudecken, um Hilfe zu rufen. Und immer mehr öffnen sich und damit die schweren Tore der Verlogenheit. Heraus quillt eine träge Masse unsäglichen Schlamms und Widerwärtigkeit. Ich wünsche mir, dass weitere Opfer, die noch immer mit sich ringen, die um ihr freies, unbeschwertes Leben betrogen wurden, den Schritt gehen und sich noch einmal mit ihrem Missbrauch auseinandersetzen, ihre Peiniger anzeigen und zur Rechenschaft ziehen. Auch um denen Mut zu machen, die heute, hier und jetzt in diesem Augenblick von Menschen sexuell missbraucht werden, sich zu öffnen und sich anderen anzuvertrauen. Noch nie war die Sensibilität für das Thema Missbrauch, so sehr im Fokus der Öffentlichkeit, und noch nie wurde Opfern soviel Aufmerksamkeit und Verständnis entgegengebracht, wie in diesen Tagen. Nichts fördert Missbrauch mehr, als das Schweigen der Mitwisser die deshalb Schweigen, weil sie einen eigenen Vorteil nicht verlieren wollen. Schweigende Mitwisser sind ebenso Opfer der Missbraucher, wie sie Mittäter sind.
Eltern mögen jeder geschlossenen Tür misstrauen, hinter denen ihr Kind verschwindet —sei das Türschild auch noch so fromm formuliert. Geschieht Missbrauch in Familien, wird ohne Verzögerung den Eltern das Kind entzogen. Institutionen, in denen Missbrauchsfälle bekannt werden, dürfen sich entschuldigen und erklären, das ist unerträglich.
Tigerauge
Entsprechende Artikel auf “Olle Piepen” zum Thema:
Missbrauch
Gift im Spielzeug
Mobbing im Internet

Hallo Tigerauge,
ein sehr guter Beitrag! Ergänzend könnte man noch dazu sagen, dass genau die Organisation, in deren Mitte und mit deren Duldung viele der Täter jahrhundertelang aktiv waren (und mit Sicherheit noch sind!) seit dieser Woche sogar eine Telefonhotline betreibt, an die “Missbrauchsopfer sich wenden können”. Man stelle sich vor: Der katholischen Kirche wird so die Möglichkeit gegeben, herauszufinden, wer eventuell durch Drohung und Schweigegelder eingeschüchtert werden könnte, damit nicht noch mehr Fälle an die Öffentlichkeit dringen. Wo ist das Justizministerium in dieser Sache? Diese Hotline gehört verboten, denn es besteht die Gefahr der Strafvereitelung. Ich bin hochgradig entsetzt darüber, wie weit die Kirche noch immer ihr eigenes “Rechtssystem” betreiben kann. Jede andere Organisation mit solchen Strukturen wäre schon längst verboten worden.