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Kollateralschaeden

Kollateralschäden durch mediale Vorverurteilung

Momentan finden sich viele Anlässe dafür, dass dem aufmerksamen Bürger so richtig übel werden kann. Und damit meine ich nicht das EHEC-Bakterium, dessen hysterische Begleiterscheinungen uns schon beim Lesen der Morgenzeitung den Appetit verderben sollen. Vielmehr sind es die sich verselbständigenden Instrumentarien des Informationszeitalters, deren Auswirkungen mir Bauchschmerzen bereiten. Mehr und mehr scheinen die Medien sich in die Aufgaben von Exekutive und Judikative hineinzudrängen: Sie übernehmen im Falle des Falles sowohl die Ermittlungen, als auch die Bestrafung eines angeblichen Täters. Möglichkeiten zur Rehabilitation: zweifelhaft.

Der sich verselbständigende Medientsunami um Jörg Kachelmann dürfte es dem ehemaligen »Wetterfrosch der Nation« nahezu unmöglich machen, seinen früheren Platz zurückzuerobern. Trotz Freispruchs. Wer glaubt, hier sei ein Vergewaltiger seiner gerechten Strafe entgangen, kann sich nun jedenfalls damit trösten, dass die weitaus schlimmere Bestrafung in jedem Fall erfolgt ist: der lebenslange Verlust der Reputation. Schuldig oder unschuldig? – Solche Kleinigkeiten interessieren in diesem Zusammenhang nicht.

Eine ähnliche Medienbombe hat vor wenigen Tagen die Existenz vieler spanischer Gemüsebauern zerstört. Es genügte, einen vagen Verdacht ungeniert zu publizieren, und schon begann in Spanien das große Einstampfen einer halben Jahresernte. Der Tage später verkündete Widerruf klang schon wesentlich weniger laut, denn die Zeitungen brauchten den Platz, um sich über das nächste Opfer herzumachen: ein bisher unbescholtenes Lübecker Restaurant, dessen Wirt nun ebenfalls um seine Existenz kämpfen dürfte.




Seit gestern nun ist es ein einzelner norddeutscher Bio-Bauernhof, gegen den sich die gesichtslose Wut des digitalen Flash-Mobs richtet. Verseuchte Sprossen sollen geliefert worden sein, so heißt es. Möglich, dass es sich tatsächlich so verhält, aber: exakte Laborergebnisse stehen noch aus. Wieder einmal handeln die Medien nach dem Prinzip der Vorverurteilung, wenngleich, in schwachen Nebensätzen, auch die Möglichkeit erwähnt wird, schon das dem Betrieb gelieferte Saatgut könne verseucht gewesen sein.

Noch immer ist also die ursprüngliche Quelle der Infektionen unklar. Doch am Wegesrand medialer Piraterie liegen bereits zahllose Schwerverletzte, die es auch dann noch schwer haben werden, ihre Existenz zu retten, wenn die Hexenjagd erledigt ist und längst eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird.

Geradezu harmlos wirkt in diesem Zusammenhang der Hype um »Thessa«, eine bis dato unbekannte Hamburger Schülerin (16), die durch einen einzigen falschen Mausklick bei Facebook von einer Welle von 1.600 Geburtstagsgästen überschwemmt wurde. Auch wenn in diesem Fall keine Existenzen zerstört wurden, so beweist er doch die unheimliche Macht sich verselbständigender Nachrichten und ihrer Folgen.

Wie wir uns gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen sollen weiß ich nicht. Das einzige Heilmittel dürfte der Einzelne wohl selbst in der Hand haben: Hirn einschalten! Und deshalb gehe ich jetzt zum Supermarkt und suche nach spanischen Gurken. Denn ich liebe Gurkensalat …





Entsprechende Artikel auf “Olle Piepen” zum Thema:

Vergewaltigung oder Intrige?

EHEC-Epidemie

Jörg Kachelmann freigesprochen



1 Kommentar

  1. Die spanischen Gemüsebauern sollen eine Entschädigung erhalten und das finde ich auch gut so. Es ist schon heftig, was so ein Medienrummel auslösen kann. Ich finde insbesondere im Falle der EHEC-Erreger diese ganzen vorschnellen Beschuldigungen und Mutmaßungen etwas übertrieben und absolut nicht angebracht. Heute ist Bauer X schuld, morgen vielleicht Bauer Y … solange man keine festen Beweise hat, sollte man das einfach sein lassen!

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