Der Papst lockert das Kondomverbot
In den letzten Tagen hören wir völlig neue Töne aus dem Vatikan: Das Kondom könne »in Einzelfällen im Kampf gegen AIDS vertretbar sein«, lässt sich der Papst vernehmen. Natürlich nicht ohne den relativierenden Zusatz, das Kondom bleibe dennoch »moralisch verwerflich«, aber immerhin: angesichts der bisher zur Schau getragenen Unerbittlichkeit in dieser Frage stellt die neue Position Benedikts XVI. einen Quantensprung dar.
Unvergessen ist die Tatsache, dass der Papst noch im vergangenen März anlässlich einer Afrikareise verkündet hatte, Kondome würden das AIDS-Problem sogar verschlimmern. Sollte die katholische Kirche nun also doch im 21. Jahrhundert angekommen sein?
Vielfältig sind die Spekulationen über die möglichen Gründe dieses Kurswechsels. Laufen der Kirche die Schäfchen davon? Oder hat das Istituto per le Opere di Religione, besser bekannt als die Vatikanbank, gar vergessene Beteiligungen an kondomproduzierenden Firmen in seinem Safe gefunden, wie bereits manche Zyniker vermuten?
Fakt ist: Der Zölibat, den die katholische Kirche ihren Amtsträgern auferlegt hat, stand schon immer einer unverkrampften Bewertung von Fragen der Sexualität im Wege. Wer sich selbst Fasten verordnet hat, kann eben nicht ertragen, wenn andere ungestört essen. Mit sauertöpfischer Miene sitzt er mit am Tisch, ein personifiziertes Mahnmal, um danach heimlich in die Küche zu schleichen und die Reste in sich hineinzustopfen.
Diese Verlogenheit ist es, die die Kirche nun seit Jahrhunderten wie einen Mühlstein mit sich schleppt und sich damit dem Fluss des Lebens in den Weg stellt.
Nun scheint sie endlich langsam müde davon zu werden. Legt man das Arbeitstempo der katholischen Kirche im Falle des Galileo Galilei als Maßstab zugrunde, darf man also getrost davon ausgehen, dass die Kirche auch ihre sexualpolitischen Irrtümer in spätestens 350 Jahren aufgearbeitet haben und zu natürlichen Verhältnissen diesbezüglich gekommen sein wird.

Leider ist die eigentliche Katastrophe eine ganz andere. Nicht das kirchliche Kondomverbot oder der Grad seiner Modifizierung sind das Problem, sondern die Reaktion der Menschen darauf, besonders in vielen Entwicklungsländern auf der Welt. Eine Bevölkerung mit hoher Analphabetenrate, ohne ungehinderten Zugang zum Informationsfluss, ist leichte Beute für jede Art von Dogma. »Er gilt als der mächtigste Papst aller Zeiten. Niemals zuvor hatte die katholische Kirche mehr Gläubige, noch nie eine solche Ausdehnung, buchstäblich bis zu den Enden der Welt.«, berichtete BILD in dieser Woche über Benedikt XVI. Dass dies auch eine Folge der bisherigen kirchlichen Haltung zur Geburtenregelung ist, ist sonnenklar. In welchen Lebensumständen sich viele dieser Menschen bewegen, darüber schweigt sich der Bericht allerdings aus.
Grundlegend verbessern wird sich die Lage also nicht, so lange die Menschen auf eine endgültige Aufhebung des kirchlichen Verbots warten, sondern erst dann, wenn sie sich von Vordenkern emanzipieren und ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Tigerauge
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