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Lingen-Armut



Armut geht uns alle an

Was als schnelle Hilfe und menschliche Geste, mit Eröffnung der ersten “Tafel” in Berlin 1933 entstand, hat sich zu einem der größten Sozialprojekte der Bundesrepublik gemausert. Kaum eine Firma kann einen so rasanten Anstieg an Tochtergesellschaften verzeichnen. Leider. Denn der Vergleich darf so eigentlich gar nicht herangezogen werden. Die “Tafeln” sollen Hunger und Armut lindern. Eine Erfolgskarriere dieser Einrichtungen ist aber keine Zeichen von Wachstum und Wohlstand, sondern im Gegenteil, stellt es einer Gesellschaft ein übles Armutszeugnis aus.

Eine Millionen Menschen nutzen mehrmals wöchentlich das Angebot der “Tafeln” in Deutschland. Darunter sind etwa 250.000 Kinder. Man muss sich das schon mal bewusst machen. Eine Million Menschen, deren Armut so groß ist, dass sie sich nicht regelmäßig mit Nahrungsmitteln versorgen können. Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit wesentlich höher. 40.000 ehrenamtliche Helfer und Sponsoren sorgen dafür, dass diese Armut ein klein wenig erträglicher wird, dass es für die betroffenen Menschen, wenigstens einmal täglich, eine warme Mahlzeit gibt. Wer glaubt, dass es sich bei diesen Menschen um Obdachlose und Alkoholiker am Rande der Gesellschaft handelt, der irrt sich. Das mag vor einigen Jahren noch der Fall gewesen sein. Heute sind die “Kunden” der Tafeln in der Mehrzahl ganz normale Menschen, die bis vor kurzem noch einen Job hatten, täglich ihrer Arbeit nachgingen, ein Auto oder Haus abzahlten und ganz normale Nachbarn waren. Selbst besser Betuchte rutschen immer öfter und immer schneller durch die verheerende Wirtschaftslage in die Situation des Bittstellers. Das erklärt, weshalb die Tafeln wie Grashalme aus dem Boden schießen. Mittlerweile sind es weit über 800 Anlaufstellen, die es in allen größeren Städten gibt. Und sie platzen aus allen Nähten! Täglich kommen mehr Menschen. Das Angebot der Tafeln beschränkt sich längst nicht mehr auf die Abgabe von übriggebliebenen Waren aus Discountern (die übrigens nicht abgelaufen sind, sondern schlicht übrig sind!). Neben der Versorgung mit Nahrungsmitteln übernehmen die Tafeln auch in anderen Lebensbereichen immer mehr Aufgaben. So stellen sie Möbel und Fahrräder zur Verfügung und bieten Dienstleistungen aller Art an. Wächst dieser Trend weiter – wird er zu einer zusätzlichen Gefahr für die Wirtschaft.

So edel und wichtig die Hilfe am Menschen in Notsituationen ist, wird diese Hilfe zur Dauereinrichtung mit wachsenden Aufgaben, dann legitimiert sie sich selbst zu einem ganz “normalen” Dasein. Armut als Normalität zu etablieren, kann aber nicht das Ziel einer Hilfsorganisation sein. Die Regierung unterstützt die Tafelprojekte ausdrücklich. Natürlich tut sie das, bleibt doch die tatsächliche Armut dadurch noch ein Weilchen unter dem Teppich. Wie so oft ist aber das Vertuschen von Tatsachen der erste Schritt in den Abgrund der Realität. Es fehlt der Weitblick. Nehmen wir an, aus einer Millionen Menschen werden zehn Millionen Menschen. All diese Menschen haben Fähigkeiten und die meisten würden gern arbeiten. Es wird sich – wie sich schon abzeichnet – ein Netz bilden, dass die verschiedensten Berufe umfasst und das wirtschaftliche Angebote zu kleinsten Preisen oder im Tauschhandel anbietet. Eine Zweitwirtschaft, deren Motor nicht die Gier nach endlosem Wachstum ist, sondern schlicht nach dem Motto: “Eine Hand wäscht die andere” funktioniert. Schon jetzt haben sich Gruppen mit Handwerkerleistungen gebildet, die im Gegenzug Kochgemeinschaften, Kinderbetreuung, Pflege und diverse Dienstleistung untereinander und ohne Bürokratie abwickeln. Am Staat und an der Gesellschaft vorbei. Keine Steuern für keine Gegenleistung. So einfach ist das und nennt sich Nachbarschaftshilfe.

Was den Tafeln im Augenblick fehlt, ist ein politischer Anspruch, der dazu führt, dass sie sich selbst abschaffen. Eine Möglichkeit ist der Einsatz für ein Grundeinkommen, dass Wohnung und Nahrung und soziale Anerkennung beinhaltet. Hartz IV erfüllt diesen Anspruch nicht. Wohl muss man damit nicht verhungern, aber Menschsein bedeutet auch, dass man am sportlichen und kulturellen Leben teilnehmen kann. Und damit ist nicht der kostenlose Besuch einer städtischen Leihbücherei gemeint.

Hier der Link für Lingen:

http://www.lingener-tafel.de/

Im Untermenü „Verteilerstellen“ der Lingener Tafel finden Sie Hinweise für die Meppener, Harener und Lathener Tafel.

Hier noch ein guter Link:
http://www.deine-stimme-gegen-armut.de rel=”nofollow”

Tigerauge



2 Kommentare

  1. Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag über die Tafeln. Wenn man nicht direkt etwas mit diesem Thema zu tun hat und in den Medien nicht ständig darüber berichtet wird, kann so etwas schon auch schnell in Vergessenheit geraten. Ich finde es erschütternd, wieviele Menschen hier in Deutschland Hunger leiden und von dem leben, was sie von anderen bekommen. :sad:

  2. Wie schon im Artikel beschrieben, ist es auf der einen Seite gut, dass es solche Einrichtungen wie die Tafel überhaupt gibt. Auf der anderen Seite muss man festhalten, dass es nicht positiv ist, wenn die Tafeln größer werden und mehr Menschen die Hilfe in Anspruch nehmen. Man sollte endlich etwas tun gegen die Armut hier in unserem Land und da muss meiner Meinung nach auf politischer Ebene was passieren.

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