Lingen/Broegbern
Brögbern und die Tratschtante.
Was ist schneller, die Tratschtante oder das Internet?
In unserer Straße, hier in Lingen Brögbern, ist es die Frau Sabbelhaus. Wenn sie auftaucht, gerate ich neuerdings in Panik, denn ihr entkommt man einfach nicht, ist regelrecht ausgeliefert.
Als ich heute meinen Spaziergang in Brögbern machte, stürmte sie auf mich zu: „Herr Kues“ kreischte sie entzückt „dass ich Sie hier treffe – wie geht es Ihnen, ich komme grad aus der Sparkasse und was glauben Sie, da spricht mich der Leutenbach an. Sie wissen schon, der mit der Narbe über dem Auge, keine Ahnung, woher er sie hat, da gibt’s ja Gerüchte, wegen seiner Frau und so, aber egal - Sie haben zwei Minuten Zeit, nicht wahr? Sie hätten sehen müssen, wie der aussah, die Haare, ich sag ihnen, die haben mindestens sechs Wochen kein Wasser, und Shampoo gesehen. Also, wie der rumläuft! Wenn ich mal ehrlich bin, das bleibt nicht aus, wenn man in so einer Gegend wohnt. Da haust doch auch die Schmidten, sie wissen schon, die Tante meiner Exfreundin, aus dem Töpferkurs, den ich abbrechen musste, na egal, was ich sagen wollte: die Schmidtens haben ihre Oma tatsächlich in ein Heim geschafft. Bestimmt nicht, ohne vorher die Sparbücher zu plündern, woher sonst haben die plötzlich das neue Auto, und in Urlaub fahren sie auch schon wieder. Dabei sitzt die Frau den ganzen Tag zu Hause, hätte sich doch gut um die alte Dame kümmern können. Aber von solchen Leuten ist nichts Gutes zu erwarten, ohne Grund bringt der Sohn ja nicht ständig Fünfen und Sechsen aus der Schule nach Hause.“

Ich nickte genervt und machte vorsichtig einige Schritte zur Seite. „Ja, ja, ich muss noch schnell zur Post, bevor sie schließt“, schob ich eine Information in ihren Wortschwall, in der Hoffnung mich aus dem Staub machen zu können. Was natürlich naiv von mir war, denn genau dort wollte Frau Sabbelhaus zufällig hin. Und so hakte sie sich bei mir ein und schleifte mich die Straße entlang. „Ach, Herr Kues, was für ein Glück, dass ich Sie kenne!“, kreischte sie. „Von den anderen in der Nachbarschaft in Brögbern bin ich sowas von enttäuscht, dass ich mich immer mehr zurückziehe. Überall wird über mich getratscht. Die brauchen bei mir nicht mehr zum Kaffee kommen. Ich lasse schließlich nicht jeden in meine Küche, daran können Sie sehen, dass ich große Stücke auf Sie halte! Aber wo wir grad beim Kaffeetrinken sind, das ist ja wohl die Hauptbeschäftigung von Frau Koslowski in Lingen. Die kennen Sie ja auch, nicht wahr?“ Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Genau genommen kannte ich fast keinen einzigen der Menschen, über die sie offensichtlich alles wusste, und Kaffee hatte ich auch noch nie bei ihr getrunken. „Na ist egal, Hauptsache Sie kennen sie!“, sabbelte Frau Sabbelhaus weiter. „Diese floddrige, fette Kuh, die den verwilderten Vorgarten hat, natürlich kennen Sie die! Was sind das für Weiber, die jeden Tag zusammenhocken, während die Kinder allein im Garten herumrennen! Das grenzt ja an Verwahrlosung, ich weiß nicht, ob man da nicht mal beim Jugendamt der Stadt Lingen …? Man hört ja so viel und wir sollen ja alle aufmerksam sein. Nicht, dass wir beide nachher noch Schuld sind, dass da was passiert…“

Abrupt blieb ich stehen, befreite ich mich aus ihrer Umklammerung, hauchte ein „Oohhh“, täusche eine Übelkeit vor und ließ mich zu Boden sinken. „Aber Herr Kues, was machen Sie denn da? Sie können doch hier nicht so einfach, oh nein, wenn uns jemand sieht, wie peinlich! Also das geht jetzt aber nicht, das ist ja wie bei dem Jakobsen, der ist doch wegen Krebs …“, stammelte sie während ich hörte, dass ihre Schritte sich von mir entfernten. Ich blinzelte mit einem Auge und sah, wie sie sich aus dem Staub machte. Offensichtlich war sie mit ihrem Latein am Ende. Endlich.
Tigerauge
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