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Schneid abkaufen



Was ist eigentlich „Schneid“?

Guido Westerwelle hat es ausgegraben und ihm neues Leben eingehaucht.

Mein Korrekturprogramm streicht dieses Wort als „umgangssprachlichen Ausdruck“ an und bittet mich, nach einem gebräuchlichen Ausdruck zu suchen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Dieses Wort ist in der gegenwärtigen Zeit wenig in Gebrauch. Von der jüngeren Generation wird es kaum benutzt, ich erinnere mich aber, dass meine Eltern hin und wieder sagten: „Schneid hat er ja, das muss man ihm lassen.“ Meistens geschah das, wenn sie über jemanden sprachen, der irgendeinen Mist verzapft hatte. Dennoch die Art, wie sie es sagten, ließ keinen Zweifel daran, dass sie demjenigen neben der Kritik, auch Anerkennung zollten.

Für uns Kinder hieß das, auch wenn wir nicht wussten, um was es genau ging, dass sich die Eltern über jemanden unterhalten hatten, dessen Gesellschaft mit äußerster Vorsicht zu genießen, wenn nicht gar besser zu meiden sei.

Nach langer Zeit hat es das Wort „Schneid“ jetzt über Nacht zu unvorhergesehener Popularität gebracht. Guido Westerwelle hat es ausgegraben und ihm neues Leben eingehaucht. Ach, was sag ich – gehaucht? Nein, nicht gehaucht, sondern leidenschaftlich und eindringlich hat er es in den Alltag zurückbefördert.

Mit großer Freude verkündete er jüngst: „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!“
Beeindruckend. Wirklich, dieser Satz und diese Szene hat Potenzial zum geflügelten Wort zu werden. Vielleicht nicht so gewichtig wie: „Yes, we can“, aber doch bemerkenswert. Vor allem auch die Gestik dazu. Mit beiden (!) Zeigefingern stocherte er in Richtung seiner Zuhörer. Sehr unangenehm. Man zeigt eigentlich nicht mit dem Finger auf Menschen, die sich einem zuwenden, aber dann gleich mit beiden? (Vor allem, weil bei dieser Gestik für jeden Zeigefinger immer auch drei andere Finger auf den Zeiger gerichtet sind.)

Aber das ist gar nicht das, was mich seit Tagen beschäftigt. Mir geht dieser Satz einfach nicht aus dem Kopf und immer wieder frage ich mich: „Was meint er eigentlich damit?“ Den Schneid abkaufen! Bis jetzt war ich der Meinung, dass Schneid eine andere Bezeichnung für Mut und Beharrlichkeit ist und dass man Eigenschaften bestenfalls absprechen kann. Oder sollte mir da etwas entgangen sein? Möglicherweise ist das aber lediglich eine regionale Variante. Was also macht ein Normalbürger in so einem Fall? Natürlich, er googelt. Und schnell werde ich fündig.

Drei Beispiele liefert mir das Wiktionary:
Dem/Der Schneid des Kerls war niemand gewachsen.
Hansi fehlt für viele Dinge einfach der/die Schneid.
Es ist furchtbar, dass Gernot so gar keinen/keine Schneid hat.

Da finden sich dann auch weitere spärliche Erklärungen: Schneid entspricht der Bedeutung von Draufgängertum, Kühnheit und Tatkraft. Aha. Da lag ich mit meiner Definition nicht weit entfernt. Und der Herr Westerwelle war sich offensichtlich der Wortbedeutung auch bewusst. Und tatsächlich finde ich dort auch die Redewendung: „Jemandem den Schneid abkaufen.“ Ich hoffe, dass mir der Sinn dieser Aussage jetzt erklärt wird. Denn noch immer ist mir nicht klar, wie man von jemandem Draufgängertum, Kühnheit und Tatkraft kaufen kann, und vor allem was mag so etwas kosten? 10.000 €, 100.000 € oder 500.000 €? Ich habe da keine Idee, auch nicht davon, wie ich nach dem Kauf die Eigenschaften bei mir nutzen kann, wo ich doch so gar keine Erfahrung im Draufgängertum habe.

Ich glaube, um den Satz wirklich zu verstehen, muss man ihn anders angehen. „Jemandem etwas nicht abkaufen“, bedeutet landläufig, dass man ihm etwas nicht glaubt. Und da fällt jetzt auch endlich der Groschen. Der Guido hat einfach erkannt, dass man ihm das, was er für Schneid hält, nicht glaubt. Natürlich! Das ist es doch! Der gute Mann geht davon aus, dass man ihm seinen Schneid nicht abkauft – nicht glaubt. Jetzt bekommt die Sache Sinn. Und weiter erklärt das Wiktionary, dass jemandem, dem man den Schneid nicht abkaufen kann, einer ist, der sich nicht entmutigen lässt. Dass er sich den Schneid nicht abkaufen lässt, bedeutet damit auch: Ich bleibe ein Draufgänger und bin in meiner Kühnheit und Tatkraft nicht zu bremsen. Faszinierend. Jetzt stellt sich bei mir auch ein konkretes Bild dazu ein: Ein kleines Kind, das verzweifelt die Bastelschere in seiner Spielkiste sucht. Mit hochrotem Kopf greift es mit beiden Händen hinein und schmeißt alles mit Schwung hinaus, das nicht nach Schneidewerkzeug aussieht. Das Spielzeug verteilt sich im Zimmer und einige Dinge zerbrechen dabei. Am Ende ist die Kiste leer und der gesuchte Gegenstand findet sich bei der Mutter in sicherer Verwahrung. Hätte es doch einfach mal vorher die Mutter gefragt, ob sie wüsste, wo die Schere liegt!

Auf die konstruktive Anregung eines Lesers (Vielen Dank!), folgt hier der Link für alle, denen die Rede entgangen ist:

Leider wurde die Seite gelöscht. Grund: Mit dem 01.09.2010 musste tagesschau.de rund 80 Prozent seiner Archivinhalte depublizieren.

Tigerauge

Entsprechende Artikel auf “Olle Piepen” zum Thema:

Westerwelle+Hartz-IV

Bundestagswahl – wer regiert, bestimmen wir

Europa ruft



3 Kommentare

  1. Exzellent dieser Beitrag, exzellent ! :clap: :clap: :clap:

    So macht das Sinn – Guido, Moechtegerndraufgaenger, wir klar dass sich wohl keiner findet der gleich ihm mit “spaetroemischer Dekadenz” zuendelt.

    Unser Guido – Reisefuehrer, Wassertraeger und Stiefelknecht der “Leistungstraeger”. Aber – wir sollten es nicht vergessen: wir (das Volk) haben es so gewollt – wir haben ihn gewaehlt. 14% fuer den Leichtmatrosen auf dem sinkenden Schiff namens FDP.

  2. Ja, unser Guido liefert immer wieder neuen Gesprächsstoff, finde ich super! Jemanden den “Schneid abkaufen” kannte ich schon, aber so richtig ist mir die Bedeutung auch nicht klar gewesen. Jetzt steige ich aber dahinter und glaube zu verstehen, was landläufig damit gemeint ist. Dass die Politiker hin und wieder irres Zeug reden, sollte bekannt sein. Ich habe mich köstlich amüsiert über den Artikel hier – mehr davon! :clap: :biggrin:

  3. Nicht witzig! .. Sollte dieser Artikel tatsächlich ernst Gemeint sein so lassen sie sich von einem knapp 30jährigen erläutern.
    Zum “Schneid abkaufen” gehört seinen “Schneid verkaufen” zu wollen .. also seine Tatkraft , seinen Mumm oder auch seine Beharrlichkeit für den meistbietenden zu opfern.
    Oder kurzum kleinbei zu geben, aufzugeben gegenüber jenen die einen unterbuttern wollen.
    Jemandem den Schneid abkaufen bedeutet quasi ihn in die Tasche zu stecken.
    Der Herr Westerwelle ob man ihn nun mag oder nicht ist halt jemand mit Kampfgeist ;-)

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