Familie, Schule und Gedöns
In einem Fernsehbericht äußerten sich sämtliche Eltern entsetzt darüber, dass die Schulzeit von dreizehn auf zwölf Jahre gekürzt wurde. Obwohl das ständig wachsende Arbeitspensum, schon innerhalb der bisher dreizehn Schuljahre, nur unter Verzicht auf Freizeit zu schaffen wäre.
Viele Schüler beginnen ihren Tag mit langen Schulwegen, bewältigen 7 – 9 Stunden Schulzeit, kommen gegen 16 oder 17 Uhr zu Hause an und müssen noch Hausaufgaben machen. Stehen Arbeiten an, wird nach dem Abendbrot noch einmal bis 22 Uhr gebüffelt. Das ist unterm Strich ein 14-16-Stunden-Tag. So viel muss man normalerweise arbeiten, wenn man selbstständig ist. Fragt man Lehrer, bekommt man bestätigt, dass das Arbeitstempo sich enorm gesteigert hat, dass die Lehrpläne immer voller werden, die Zeit für das Lernen und die individuelle Zuwendung aber verkürzt. Hinzu kommt der Lehrermangel der durchweg fast alle Schulen betrifft und zur Folge hat, dass mancherorts 10 % Unterrichtsausfall zu beklagen ist. Diese Ausfälle müssen die Schüler wieder auffangen! Wer dem Druck nicht standhält, bleibt früher oder später auf der Strecke.
Es gibt nur wenige Kinder, denen das Lernen nach der siebten Klasse noch wirklich Freude bereitet. Das aber ist eine Grundvoraussetzung, damit Lernen überhaupt möglich ist. Ich weiß von Lehrern, dass auch hier der Frust groß ist, denn die staatlichen Vorgaben für die Richtlinien zur Vermittlung des Unterrichtstoffes, sind derart starr und teilweise unsinnig gehalten, dass sie selbst nur mit Widerwillen manche Vorgaben erfüllen.
Auf der einen Seite wird händeringend nach Fachkräften gerufen. Auf der anderen Seite wird das Durchhalten in der Schule von Jahr zu Jahr extrem erschwert und Kreativität im Keim erstickt. Und das über eine elendig lange Zeit von zwölf Jahren. Ja, ich sage, diese Zeit ist viel zu lang! Tatsächlich wird nämlich die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, überhaupt nicht ausgenutzt. Da wird kostbare Lernzeit missbraucht für Tagesausflüge, Brückentage, Fehlstunden, langweilige Weihnachtsfeiern, Osterbasteleien, Halloweenpartys, gemeinsames Frühstück, Übernachtungspartys, Sommerfeste, von Lehrerausfällen wegen Burnout-Syndrom gar nicht zu sprechen! Denken Sie nur nicht, dass all diese Dinge tatsächlich wichtig sind, um die Klassengemeinschaft zu stärken! Es sind Zwangsveranstaltungen, die vielen Eltern und Kinder (vermutlich auch Lehrern) kilometerweit aus dem Hals hängen! Derartige Veranstaltungen haben überhaupt nichts zu suchen in der regulären Unterrichtszeit! Sie gehören ausnahmslos in ein freiwilliges Freizeitprogramm, das Schule gern außerhalb der Unterrichtszeit anbieten kann, wenn sie will. Auch die Ferienzeiten sind viel zu lang. Fragen sie Eltern! Nach 14 Tagen Ferien sind die Kinder durch damit. Sie haben keine Lust mehr sich auszuruhen! Sie wollen mit ihren Mitschülern zusammen sein. Kürzere Ferienzeiten und Auslagerung aller Veranstaltungen in die Freizeit, hätten zur Folge, dass ohne Weiteres, die Gesamtschulzeit, um locker drei Jahre gekürzt werden könnte.

Natürlich setzt das voraus, dass das gesamte System “Lernen” völlig neu geordnet wird. Kinder müssten schon im Alter von drei Jahren, nach ihren Fähigkeiten und Neigungen lernen dürfen. Dann lernen sie schneller und freiwillig mehr, als man erwartet. Das wiederum setzt voraus, dass Vater Staat sein Säckel (mit unserem Geld!) für unsere Kinder und die Bildung einmal genauso weit öffnet, wie er es für die Menschen getan hat, die für die Wirtschaftskrise verantwortlich sind. Denen er, ohne mit der Wimper zu zucken, Milliarden zur Belohnung in den Rachen gestopft hat, nur damit sie ungehindert ihren verbrecherischen Geschäften weiter nachgehen können.
Also, Frau van der Leyen, Ministerin für “Familie und Gedöns”, wie Herr Schröder es einst ausdrückte (was ja auch tief blicken lässt). Sie haben die Familienpolitik reformiert? Mit 1000 Euro Elterngeld? Mit einmalig 100 € zum Kindergeld? Mit ein paar Kröten mehr, damit Papi auch mal die Windeln wechseln darf? Kann man damit Kindern eine bessere Bildung und Zukunft kaufen? Was Familien brauchen, sind kostenloses Lernen an bestens ausgestatteten Schulen, mit gut bezahlten Lehrern, die Kinder nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten beim Lernen begleiten! Individuell und ohne Druck und Leistungsdenken. Vielleicht hat dann eine Generation die Möglichkeit, sich für etwas anderes zu entscheiden, als zum Beispiel für das Komasaufen in der Arbeitslosigkeit.
Tigerauge
Entsprechende Artikel auf “Olle Piepen” zum Thema:
Jugendsprache
Gift im Spielzeug
Auszubildende und der erste Arbeitstag

Als ich mit dem Arbeitsalltag angefangen habe, fragte ich mich: Warum 13 Jahre gelernt, wenn ich das doch gar nicht mehr brauche?
Aber manchmal kehrt man wieder zurück und dankt für diese 13 Jahre. Insgesamt finde ich jedoch die Studienzeit (da könntest du auch mal einen Beitrag schreiben) am schönsten!