Es ist wirklich ein Kreuz mit dem Essen!, dachte ich mir neulich, vor dem Gemüseregal im Supermarkt stehend. Kann ich die Bio-Karotten unbesorgt kaufen? Sind sie ungespritzt? Oder ist das so ein EU-genormter Etikettenschwindel? Und die Tomaten – sie riechen gut, aber wer kann wissen, was wirklich drin ist? Sehen die nicht irgendwie zu gut aus? Fast ein bisschen wie aus Plastik? – Ich entscheide mich schließlich für die Äpfel. Die sind wenigstens aus einheimischer Produktion. Weite Reisen, umgeben von undefinierbaren Frischhaltemitteln, hatten sie definitiv nicht nötig. So. Ein Päckchen Eier noch. – Eier? War da nicht was? Sind die vielleicht voller Dioxin? Werden wir bald aussehen wie der bedauernswerte ukrainische Ministerpräsident Juschtschenko, wenn wir sie essen? – Schwer einzuschätzen. Also lasse ich die Eier liegen und wende mich dem Kühlregal zu. Schinken!
Hm. Voller Konservierungsstoffe. Pökelsalz. Speiseröhrenkrebs? – Also lieber Mozzarella-Käse. Dumm nur, dass ich den Tomaten nicht traue. So pur schmeckt der Mozzarella doch ein wenig fad!, denke ich mir. Außerdem: War da nicht was mit bakterienverseuchter Büffelmilch? Das lass ich lieber und begnüge mich mit einem Butterbrot. – Obwohl: Butter? Verträgt das mein Cholesterinspiegel? Und wurden die Kühe auch ordentlich gehalten? Vielleicht doch lieber Diätmargarine? – Nein. Voller Chemie. Hab ich neulich erst gelesen. Also das Tofu-Schnitzel. Wie wird Tofu gewonnen? Ist es moralisch zu verantworten, Sojaprodukte zu essen? Ist das nicht ein Exportprodukt aus Ländern, denen es nicht so gut geht? Sollten wir Nahrungsmittel von dort importieren und sie der heimischen Bevölkerung wegessen? – Mein Gewissen entscheidet sich dagegen.

Hilfe: Was kann ich überhaupt noch essen?
Fleisch! Ein gutes Stück Lebenskraft. Sagt zumindest die Werbung. Wie war das nochmal? Dürfen die Tiere mit Antibiotika gefüttert werden oder nicht? Ich verliere so langsam den Durchblick. Aber ein kleines Bio-Rindersteak kann doch eigentlich nicht schaden, oder? Obwohl, schaut man so einem Tierchen in die Augen, kann man es eigentlich nicht mehr essen. Neulich, im Streichelzoo, das süße Kälbchen …, mir verschlägt es den Appetit und ich lege das Leichenteil wieder weg. Kurz darauf stehe ich vor dem Konservenregal.
Konserven kommen für mich grundsätzlich nicht in Frage. Wo sollen denn noch Vitamine herkommen, wenn das Zeug sterilisiert wurde? Schnell weiter, denn das Pökelfleisch winkt mir verführerisch zu. Nitrat, Nitrit, was weiß ich noch alles. Kommt nicht in Frage!
Vor dem Süßigkeitenregal werde ich fast schwach. Schokolaaaade! Mmmmmmh!, ich fühle meinen aufgeklärten Widerstand schwinden. – Nein. Produziert von ausgebeuteten Landarbeitern, die ein paar Cent pro Tag für ihre schwere Arbeit erhalten. Also wende ich mich den Trockenfrüchten zu. Das wäre doch endlich eine Option!, denke ich erfreut und greife nach einer Tüte Dörrpflaumen. Geschwefelt!, strahlt es mir von der Packung entgegen. Schwefel. Eine Ausdünstung der Hölle und kein Nahrungsmittel!, bleibe ich streng mit mir und lege das Teufelszeug zurück. Vielleicht ein wenig Wein, wenn es schon nichts zu essen gibt? Die Trauben, womit werden die nochmal gespritzt?
Schließlich stehe ich an der Kasse. Mein Päckchen einheimischer Äpfel liegt einsam auf dem Band. Ich muss mich beeilen. Sonst macht draußen der Imbiss zu, der mit den leckeren Bratwurstbrötchen …
Tigerauge
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