Wer trauert um Gaddafi?
Leichenschau
Seit Tagen schon liegen die Leichen des gestürzten Machthabers Gaddafi und seines Sohnes Mutassim in einem Kühlhaus in Misrata, wo tausende Schaulustige sie besichtigen. Am 20. Oktober war Gaddafi von Aufständischen ergriffen und getötet worden, unter bisher nicht geklärten Umständen. Angaben über die genauen Todesumstände gibt es in mehreren Variationen, die vom Beschuss eines Fahrzeugkonvois bis zur Hinrichtung durch Kopfschuss aus allernächster Nähe reichen.
Kriegsverbrechen oder Notwehr?
Nach dem Tod Gaddafis befindet sich Libyen im Freudentaumel, während Teile der angeblich »zivilisierten« Welt mit dem Kopf schütteln. »Sic transit gloria mundi«, so vergeht der Ruhm der Welt, ließ sich Silvio Berlusconi zitieren, während Guido Westerwelle in schwarzem Anzug und schwarzer Krawatte wohlgesetzte Worte an das libysche Volk richtete. Die UN geht sogar so weit, von einem »Kriegsverbrechen« zu sprechen, das lückenlos aufzuklären sei. Andere bemängeln, dass bisher keine Vorkehrungen für eine angemessene Beisetzung getroffen worden seien.
Unter dem Druck solch massiver internationaler Kritik hat der Übergangsrat nun beschlossen, die Leiche an Gaddafis Familie zu übergeben, wobei offen bleibt, welche Personen das sein sollen, denn: Wer aus dem Gaddafi-Clan noch nicht tot ist, ist längst ins Ausland geflohen.

Auch Pietät kann geschmacklos sein
Ich frage mich: Wie kann man einem geschundenen Volk wie dem libyschen solch greifbare Form der Vergangenheitsbewältigung ernsthaft verübeln? Ist es nicht normal, dass die Menschen sich nach jahrzehntelanger Misshandlung mit eigenen Augen davon überzeugen wollen, dass das Monster wirklich tot ist? Genaue Zahlen darüber, wie viele Todesopfer alleine das letzte Aufbäumen des Regimes gefordert hat, gibt es noch nicht. Experten gehen von »mehreren Zehntausend« aus, die teilweise in Massengräbern verscharrt wurden oder einfach verschwunden sind, namenlos, manche bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Über sie wird auf offizieller Seite wenig gesprochen, doch am Todestag Gaddafis legt Westerwelle die Trauergewänder an.
Klar, für einen Politiker muss es beängstigend sein, wie schnell und tief der Fall vom Gipfel der Macht geschehen kann. Aber: Das Maß der Rechtsstaatlichkeit anzulegen an ein Land, das sich soeben von einem Krebsgeschwür befreit hat und dem ein ungetrübtes Freudenfest, mehr als nur zu gönnen ist, das ist geschmacklos, lächerlich und hat mit Pietät nicht die Bohne zu tun.
Farbe bekennen, wer hat Gaddafi wie unterstützt?
Da ich nicht davon ausgehe, dass irgendjemand den Menschen Gaddafi ernsthaft betrauert, kann das Herumeiern der letzten Tage nur bedeuten, dass es einige gibt, die große Angst vor Enthüllungen haben. Wir dürfen nicht vergessen: Die wirtschaftlichen Verflechtungen westlicher Staaten mit dem Gaddafi-Regime waren immens. Hier ein Deal, dort eine Waffenlieferung, dabei das Erdöl nicht vergessen: An Gaddafi haben sich viele gesund gestoßen. Leute, denen es mehr als unangenehm wäre, kämen Einzelheiten ans Tageslicht. Doch der Prozess der Aufarbeitung ist unaufhaltsam. Auch libysche Journalisten werden nun damit beginnen, die richtigen Fragen zu stellen, zum Beispiel über die genaue Herkunft des Gaddafi-Vermögens, das geschätzte 200 Milliarden Dollar beträgt. Machen wir uns auf einiges gefasst …
Tigerauge
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