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Verliebte Migranten im Emsland.



Ich war vor dem Fernseher eingedummelt – als mich merkwürdige Geräusche weckten. Es klang wie ein hartes „Tock“, gefolgt von einem „Schsch“ oder doch eher wie ein „Tick-schsch“, vermischt mit einem leisen Quietschen. Schwer zu beschreiben, kam aber eindeutig aus Richtung Terrassentür.

Ich schaute auf die Uhr, schon 23.00 Uhr durch. Schlagartig war ich hellwach. „Wer klopft mitten in der Nacht an die Terrassentür?!“ Ich stellte den Ton des Fernsehers leiser und lauschte angespannt. Da! Wieder! „Tock-schsch-iik, „Tock-schsch-iik“.

Wie gebannt starrte ich auf die Terrassentür und wagte kaum zu atmen. Schwaches Mondlicht lag über der Terrasse. Wenn dort jemand stehen würde, hätte ich seine Shiloutte erkennen müssen.

Immer wieder: „Tock-schsch-iik, „Tock-schsch-iik“. In Zeitlupe erhob ich mich und stand langsam auf. Schritt um Schritt pirschte ich mich seitlich an die Tür heran, bis zum Lichtschalter, der für das Außenlicht zuständig war. Mir schlug das Herz bis zum Hals als ich den Schalter umlegte. Taghell erleuchtet die Terrasse – aber kein Mensch war zu sehen.

„Tock-schsch-iik, „Tock-schsch-iik“.
Vorsichtig öffnete ich die Terrassentür und trat hinaus. „Tock-schsch-iik, „Tock-schsch-iik“. Mein Blick wanderte nach unten zum Fensterrahmen und dann traf mich fast der Schlag! Da saß ein gepanzertes Ungetüm – wohl esstellergroß – direkt neben meinem Fuß und streckte mir drohend ein Mordsding von Zange entgegen. Dabei starrte es mich mit unbeweglichen, kalten Augen an. Das sah nicht wie ein freundlicher Besucher aus! Panik sprang mir in die Knochen. Was zum Teufel ist das?

Trotz des Schreckens hatte ich erkannt, dass es sich um einen Krebs handelte. Wir hatten von unserem letzten Borkumbesuch einige kleine tote Krabben als Dekomaterial mit nach Hause genommen. Aber das konnte doch nicht …?!

„Tock-schsch-iik, „Tock-schsch-iik“. Das Ding gab keine Ruhe. Unermüdlich versuchte es durch die Glasscheibe der Terrassentür zu klettern, rutschte aber immer wieder ab. Beherzt griff ich nach dem Gartenbesen und schob das Tier vorsichtig aus der Ecke heraus. Es schnappte sofort zu und hing an meinem Besen. Ich nahm einen Eimer, stülpte ihn darüber, und zog den Besen drunter weg. Dann legte ich einen dicken Stein aus der Beetumrandung oben drauf.

Wie kam eine so riesige Krabbe in meinen Garten? Obwohl es schon spät war setzte ich mich noch einmal an den PC. Neulich hatte ich einen Bericht über die Invasion von Wollhandkrabben gehört. Bilder von Millionen Tieren, die unaufhaltsam ganze Landstriche überfielen wurden gezeigt.

Wie gut, dass es Google gibt. Dort wurde ich ganz schnell fündig. Anhand der Fotos wurde klar, dass es sich bei meinem Besucher tatsächlich um eine Wollhandkrabbe handelte. Eigentlich ist ihre Heimat Ostchina. Durch regen Handel und Schiffsverkehr wurden sie unfreiwillig gekidnappt und unter anderem auch nach Deutschland auswildert. Längst sind sie in der Ems heimisch. Wie ich erfuhr, ist der Spätsommer die Zeit, in der sich die liebeshungrigen Tiere auf Partnersuche begeben. Sie verlassen zu dem Zweck den Fluss und wandern am Ufer Richtung Meer. Erstaunlicherweise können sie täglich bis zu zwölf Kilometer laufen. Auf dem Weg paaren sie sich in und an den Flussmündungen. Jetzt wurde mir klar, dass mein ungebetener Gast sich in seiner Leidenschaft wohl verirrt und unseren Teich mit der Ems verwechselt hatte. Dort aber wartete keine Liason, sondern nur unser Frosch auf ihn, sodass er jetzt auf schnellstem Weg zurück zur Ems wollte. Und die verläuft 400 m vor meinem Haus. Statt ums Haus herumzulaufen, versuchte er mitten hindurch zu kommen. Oder es gar zu überklettern.

Jetzt tat mir der Kerl schon fast leid. Mir ist schon klar, dass die Tiere vielerorts zur Plage geworden sind. Aber mal ehrlich, wer kennt das nicht: Sobald man jemandes Schicksal persönlich kennt, fühlt man mit ihm mit, nicht wahr? Was soll ich groß erklären, der verliebte Einwanderer schwimmt inzwischen wieder in der Ems … und hoffentlich mit seiner Auserwählten.

Tigerauge



4 Kommentare

  1. …die Geschichte ist ja sehr schön…aber…
    bei Dir zu Hause ist das passiert???
    Kaum zu glauben!
    Dennoch, eine wunderbare Geschichte…
    Liebe Grüße von einer treuen Leserin

  2. Ich hab gehört, dass sie in einigen Landstrichen zu Tausenden über die Brücken und Straßen laufen. Man hat schon Barrikaden aufgestellt, um sie umzuleiten. Bei uns gelten sie ja als Schädlinge, weil sie den Fischern auch die Netze durchkneifen und heimische Fischarten wie nichts verputzen. Frag mal einen Hobbyangler, der ist nicht gut auf die Tiere zu sprechen. Aber in China sind sie eine Delikatesse! Warum auch nicht. Lecker mit Chinesischen Pilzen und Sojasauce. Hhhmmm. :rolleyes:

  3. Ulla, was in Lingen so alles passiert, man glaubt es kaum. :smile:

    Tastenflug schreibt: „Wollhandkrabbe mit Chinesischen Pilzen und Sojasauce“

    Da wünsche ich doch „Guten Appetit“

    Da bleibe ich doch lieber beim Rumpsteak mit Cognac-Pfeffersahnesauce, Bratkartoffeln und grünen Bohnen. :thumbs1:

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