Weihnachten
Der seltsame Weihnachtsbaum
Ich hatte schon befürchtet der Winter hätte uns vergessen, doch seit einigen Tagen schneite es. Mein dreizehnjähriger Bruder, den ich sehr bewunderte, holte den Schlitten aus dem Keller, und zog mich durch den Schnee zum Rodelberg. Ich lag bäuchlings darauf und jubelte laut, wie es nur ein Sechsjähriger kann.
»Bleibt nicht zu lange. Vater kommt heute von seiner Dienstreise nach Hause«, rief sie uns zu und widmete sich wieder ihren Weihnachtsvorbereitungen, denn am nächsten Tag war Heiligabend.
Wir fuhren einige Male den Berg hinunter, und Jan zog den Schlitten wieder hinauf. Er schaute ständig auf seine Armbanduhr. Sie war sein ganzer Stolz.
»Wir müssen zurück, Alfred«, rief er nach einer Weile und zog mich auf dem Schlitten nach Haus. Schon von Weiten sahen wir ein Taxi vom Haus wegfahren. Ich sprang vom Schlitten und sauste wie der Blitz die Treppen hinauf, in die zweite Etage. »Papi, Papi!«, rief ich freudig und stürzte mich in seine Arme, »ich bin froh, dass du wieder da bist«.
»Hallo, kleine Maus«, sagte er und strich mir übers Haar. Und er strahlte, also musste es ihm gut gehen.
Auch Jan umarmte Vater.
»Jetzt lasst uns essen«, sagte Mutter und scheuchte uns mit einer Handbewegung auseinander. Es gab Mutters erstklassige Bratkartoffeln mit Eiern und Salat.
Am nächsten Morgen warf ich einen Blick ins Wohnzimmer, doch einen Christbaum konnte ich nicht entdecken. Beim Frühstück fragte ich: »Wo ist denn der Weihnachtsbaum?«. Mutter wurde blass und rief entsetzt: »Oh Gott, daran haben wir gar nicht gedacht!«.
»Norbert«, sagte Mutter, »du musst schnell los und noch einen ergattern.«
»Na, das kann ja heiter werden«, erwiderte Vater und machte sich auf den Weg.
Jan und ich spielten Karten, aber wir konnten uns nicht konzentrieren. »Wo bleibt nur Papi?«, fragte ich immer wieder. Nach drei Stunden hörten wir endlich, wie sein Schlüssel sich im Türschloss drehte. Vater kam herein, doch einen Baum hatte er nicht mitgebracht, dafür Tannenzweige.
»Was willst du denn mit den Zweigen?«, fragte mein Bruder und schnaufte enttäuscht.
Mutter war auch nicht begeistert, pflichtete Vater aber bei: »Wir stellen sie in einen großen Topf. Es wird auch mal ohne Baum gehen«. Jan und ich zogen uns enttäuscht in unsere Zimmer zurück. Weihnachten ohne Baum, das ist doch kein richtiges Weihnachtsfest, dachte ich, und die Tränen standen mir in den Augen.

Am Nachmittag hatte Mutter Tee zubereitet und einen Teller mit selbst gebackenen Plätzchen auf den Tisch gestellt. Außerdem legte sie noch Süßigkeiten von Tante Sabine obendrauf. Draußen dunkelte es bereits, aber es wollte keine richtige Stimmung aufkommen. »Wo ist Papi?«, fragte ich.
»Er hat noch zu tun. Ich möchte euch bitten, für ein Stündchen in eurem Zimmer zu bleiben», sagte Mutter. »Komm, wir gehen zu mir«, flüsterte Jan.
Wir setzten uns in seinem Zimmer ans Fenster und schauten hinaus. Im Licht der Straßenlaternen tanzten die Schneeflocken. »Lies mir die Geschichte »vom Mädchen mit den Schwefelhölzern vor«, bat ich Jan. Obwohl es meine Lieblingsgeschichte war, wurden wir ungeduldig und liefen schon bald im Zimmer hin und her. Plötzlich hörten wir das Glöckchen läuten. Das war das Zeichen. Jan griff nach den Pralinen für die Eltern, und ich nahm das Bild, das ich gemalt hatte. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen und leise spielte Weihnachtsmusik.
»Kommt nur herein!«, rief mein Vater.
Neugierig betraten wir das feierlich geschmückte Weihnachtszimmer. Was war denn das? Ich bekam den Mund nicht zu. Da stand ein großer, geschmückter Weihnachtsbaum! Wir stellten uns davor und sangen glücklich unsere Weihnachtslieder. Dann bekam jeder ein kleines Geschenk. Ich eine niedliche Babypuppe und Jan die Stiefel, die er sich gewünscht hatte. Außerdem gab es für uns beide zusammen Süßigkeiten von Tante Sabine. Unsere Augen leuchteten. Jan schaute sich den Weihnachtsbaum genauer an und meinte: »Das hast du prima hingekriegt, Papa. Ist das nicht Mamas Besenstiel?« fragte er.
»Richtig«, antwortete Vater, »das ist Mamas Besenstiel.« Und dann ließ sich Jan genau erklären, wie Vater das gemacht hatte. »Ich habe Löcher hineingebohrt und ihn grün gestrichen. Dann habe ich die Zweige passend geschnitten und mit einem Tropfen Leim hineingesteckt.« Durch die vielen bunten Figuren und Glöckchen war das kaum noch zu sehen. Jan nickte anerkennend.
Als Mutter den Braten mit Rotkohl und Klößen auf den Tisch stellte, lief uns das Wasser im Mund zusammen. Wir saßen lange beieinander, aßen, erzählten, waren glücklich und zufrieden. Ein schöner Weihnachtsbaum liegt eben immer im Auge des Betrachters und schöne Weihnachten gibt es dort, wo Menschen liebevoll miteinander beisammen sind.
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Tags: Olle Piepen

28. Dezember 2009 um 11:53
Eine wunderbare Geschichte. Alles so gemütlich und schön. So muss Weihnachten doch auch sein. Ob der Baum nun echt ist oder nicht, hauptsache er sieht gut aus
29. Dezember 2009 um 11:33
Diese Meinung teile ich nicht. Ein Weihnachtsbaum sollte schon echt sein. Vorallem aber gefallen mir diese Plastikbäume aus dem Baumarkt überhaupt gar nicht.