Geliebt und gehasst, aber immer gut besucht:
Die jährliche Betriebsfeier
Spätestens in diesen Tagen findet sie statt: Die Pflichtfeier, die in keiner Firma fehlen darf. Sie ist das äußere Zeichen einer gut funktionierenden Gemeinschaft, die das ganze Jahr über gemeinsam – nach Möglichkeit auch Hand in Hand – hart zusammenarbeitet, und sich zum Jahresende eine kleine ausgelassene Belohnung verdient hat. Es ist kein Zufall, dass diese Betriebsfeier in der Vorweihnachtszeit stattfindet. Natürlich sind in dieser Zeit alle Angestellten gut gelaunt und voller Herzenswärme. Längst eingestimmt, auf Harmonie und Freundlichkeit, Vergebung und Zuversicht auf das nächste Jahr.
In einer solchen Stimmung läuft eine gemeinsame Weihnachtsfeier nicht so leicht aus dem Ruder, denn alle sind bemüht, sich versöhnlich zu zeigen. Das gilt auch für die Kollegen und Kolleginnen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen, an den restlichen 364 Tagen, das Leben durch Intrigen und Mobbing, möglichst schwer machen.
Trotzdem ist so eine Betriebsfeier immer mit einem besonderen Prickeln unterlegt. Während des gemeinsamen Essens läuft meistens noch alles glatt. Die ein, zwei Bier oder das Glas Wein, sorgen für etwas Entspannung, in der ungewohnten Lockerheit. Es ist ja auch nicht einfach, wenn plötzlich der Chef mit am Tisch sitzt. Die vielen Themen, die es normalerweise zu belatschern gibt, sind Tabu. Es gibt halt Sachen, die gehen den Chef einfach nichts an. So wird krampfhaft um Smaltalk gerungen, denn das, was wirklich bewegt, darf auf dieser Feier nicht über die Lippen kommen. Kein Wort über die Schlamperei von Susanne Schlamassel, kein Getuschel über die unnatürliche Ansammlung von Überstunden bei Herrn Uwe Unbezahlbar, keine Neuigkeiten über die Laute die neuerdings aus dem Lager zu hören, und die eindeutig sexueller Natur sind, und deren weibliche Stimme mit Sicherheit Sylvia Allerliebst zuzuordnen ist … und schon gar kein Wort über die etwas spärlich ausgefallene Weihnachtsgratifikation. Von der wieder einmal ausgebliebenen Gehaltserhöhung völlig zu Schweigen.

All diese Themen brennen aber auf der Zunge, gerade heute und gerade jetzt, wo doch alle endlich einmal an einem Tisch sitzen! Ausgerechnet jetzt liegt über diesen nagenden Unzufriedenheiten ein unausgesprochenes Tabu! Was tun? Der Smaltalk schleppt sich krampfhaft voran und mangels Gesprächsstoff wird die Kehle geschmiert. Wann immer betretenes Schweigen aufzukommen droht, folgt der Griff zum Glas, um ja schnell die wirklich wichtigen Themen wieder herunterzuspülen … und das bleibt nicht ohne Folgen.
Nach zwei, drei Stunden sieht die Runde schon anders aus. Es bilden sich Gruppen und Grüppchen, die plaudernd beiein- anderstehen, in genau der Konstellation, wie man sie aus der Firma gewöhnt ist. Nur der Chef läuft mal hier hin und mal dort hin, spricht den einen an und den anderen, und bemüht sich um freizeitlich, lockere Atmosphäre, indem er witzlose Witze erzählt, über die außer ihm niemand wirklich lachen kann.
Bodo Buchhalter hält sich als einziger an seinem Wasser fest und lächelt verkniffen, während Manni Macho gerade sein Partylöwengesicht ausfährt. Mit großzügiger Geste landet seine Hand mal hier, mal da auf dem Po der Kolleginnen, die sich verspielt entrüstet zeigen und im Stillen froh sind, dass diese Feier einmal ohne Ehemann stattfindet.
Argwöhnisch lauert Helga Hyäne, während sie sich die Chips und Flips in den Mund stopft, auf den Augenblick, wo der Chef sich das entscheidende Gläschen zu viel einschenkt und der neuen Sekretärin das „Du“ anbietet. Im Laufe des Abends verschwinden die, die zuerst, die auch sonst nie da sind, wenn man sie braucht. Kurz nach Mitternacht liegt die erste Schnapsleiche neben dem Tisch, und wie aus dem nichts beginnen lautstarke Streitereien. Spätestens jetzt ist es Zeit, die Feier zu verlassen … jedenfalls für den Chef. So ganz genau wird morgen niemand mehr wissen, wer mit wem nach Hause oder sonstwo hingegangen ist, aber schön war’s wieder und überhaupt, sollte man solche Treffen viel öfter veranstalten …
Tigerauge
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Besonders witzig an Weihnachtsfeiern in der Firma finde ich immer, dass man die Gelegenheit hat, die Chefs auch mal betrunken oder zumindest angetrunken zu erleben! :lachtot: