Börsen-Zeitung: Das Vorprogramm, Kommentar zu Linde von Joachim Herr

Frankfurt (ots) – Welch eine Überraschung! Linde hat für den Tausch in Anteile der mit Praxair gegründeten Holding fast alle Aktionäre gewonnen. Mehr als 90% des Grundkapitals sind es. Das Ergebnis erstaunt, da das Angebot anfangs nur auf gebremste Zustimmung stieß. Noch vor vier Wochen erschien sogar das Erreichen der Mindestquote gefährdet. Erst die von 75% auf 60% gesenkte Schwelle brachte mehr Schwung.

Jetzt sieht es so aus, als wären die Tage der altehrwürdigen Linde AG gezählt. Kommt es im nächsten Jahr tatsächlich zur Fusion mit Praxair, spräche Vieles für einen erzwungenen Abschied der verbliebenen Aktionäre per Squeeze-out. Denn mit einem Ende der Linde AG ließen sich Kosten sparen, eine Hauptversammlung wäre obsolet und die Publizitätspflicht entfiele.

Ein beinahe zur Bedeutungslosigkeit geschrumpfter Börsentitel würde allerdings auch den Aktionären mehr Verdruss als Freude bereiten: Der Handel mit den wenigen restlichen Anteilen wäre kaum liquide. Auf häufige starke Kursausschläge müsste man sich einstellen. Zudem bekäme die Linde AG keinen Platz mehr in einem Börsenindex. Extrapunkte für Nostalgie gibt es nicht.

Den Weg in die Zukunft – den Zusammenschluss mit Praxair unter dem Dach der Linde plc – könnte jetzt nur noch die Wettbewerbsaufsicht verbauen. Doch für die Verhandlungen sind die Fusionspartner gut gewappnet. Vor allem in Nordamerika, in Südamerika und in Europa stellen sie sich auf Verkäufe von Unternehmensteilen ein und haben eine Schwelle festgelegt, die ein Achtel des gemeinsamen Umsatzes ausmacht. Diese Grenze muss aber nicht das letzte Wort sein. Zudem ist Linde nach den Akquisitionen von Aga in Schweden und BOC in Großbritannien erfahren in Verhandlungen mit Kartellbehörden.

Die Architekten des deutsch-amerikanischen Großprojekts kommen ihrem Ziel immer näher: Wolfgang Reitzle, der Aufsichtsratsvorsitzende von Linde, und Steve Angel, CEO von Praxair und der designierte Chef des neuen Konzerns. Doch an zwei erheblichen Risiken für die Stabilität des Weltmarktführers in spe hat sich nichts geändert. Zum einen begleitet die Arbeitnehmerseite von Linde den Fusionsplan mit Argwohn. Die Stimmung in der Belegschaft ist schlecht. Zum anderen erhebt die amerikanische Seite ihren Führungsanspruch. Eine Balance der Interessen beider Unternehmen erwarten nur Träumer.

Der lange Weg zur Fusion ist das Vorprogramm. Die echte Bewährungsprobe für Linde und Praxair kommt erst danach.

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