Bundesbank warnt vor Unterschätzung von Finanzrisiken

Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)–Die Deutsche Bundesbank sieht die Gefahr, dass Finanzmarktteilnehmer angesichts anhaltend niedriger Zinsen, niedriger Volatilität und einer guten Konjunktur ihre Geschäftsrisiken unterschätzen. Marktteilnehmer könnten in diesem günstigen Umfeld besonders anfällig für unerwartete Entwicklungen sein, warnt die Bundesbank in ihrem aktuellen Finanzstabilitätsbericht. Die vom Wohnimmobilienmarkt ausgehenden Stabilitätsrisiken hält sie allerdings für begrenzt.

Laut Bundesbank können unerwartete Entwicklungen, wie ein abrupter Anstieg der Marktzinsen, das Finanzsystem empfindlich treffen – von solchen Entwicklungen wäre eine Reihe von Marktteilnehmern betroffen. „Risiken aus Neubewertung, Zinsänderungen und Kreditausfällen können gleichzeitig eintreten und sich gegenseitig verstärken“, sagte Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch bei der Vorstellung des Berichts in Frankfurt.

Die deutsche Wirtschaft wächst seit nunmehr acht Jahren, die Kapazitätsauslastung ist überdurchschnittlich, die Inflation allerdings gedämpft. Deutsche Aktien werden als hoch bewertet eingestuft, und die Ankaufprogramme der Europäischen Zentralbank (EZB), die für Deutschland die Bundesbank ausführt, haben zu einer extrem hohen Bewertung von Staatsanleihen geführt. Die EZB hat eine Fortführung der Ankäufe ab 2018 zu einem geringeren Volumen beschlossen, wird ihre Zinsen aber auf absehbare Zeit nicht anheben.

Gleichwohl könnten die Marktzinsen infolge unerwarteter Ereignisse steigen, was für die Banken kurzfristig ein Problem wäre. „Die Banken müssen sich vor allem für den Fall eines Zinsanstiegs rechtzeitig wappnen“, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret. Steigende Zinsen würden die Stabilität des Finanzsystems mittelfristig stärken, ein unerwarteter und rascher Anstieg könnte es jedoch empfindlich treffen, fügte er hinzu.

Dombret sieht zudem das Risiko, dass die im europäischen Vergleich gewinnschwachen deutschen Banken versucht sein könnten, stärkere Risiken in Kauf zu nehmen, um ihre Gewinne zu erhöhen. Auch könnten Marktteilnehmer wegen der guten Konjunktur und der niedrigen Zinsen ihre Schuldentragfähigkeit zu positiv einschätzen.

Bundesbank-Vizepräsidentin Buch warnte davor, die nach der Finanzkrise durchgeführten Reformen zur Stärkung des Finanzsystems wieder abzuschwächen. Zwar müsse geprüft werden, ob die umgesetzten Reformen die beabsichtigten Wirkungen erzielten, doch dürfe diese Prüfung nicht als Vorwand dafür genutzt werden, die Reformen wieder zu verwässern.

Vom Markt für Wohnimmobilien gehen laut Bundesbank weiterhin keine erhöhten Stabilitätsrisiken aus. Zwar sind nach ihrer Einschätzung die Überbewertungen der Preise in den Städten weiter gestiegen und haben sich regional ausgedehnt, doch geht diese Entwicklung mit einer nur moderat wachsenden Kreditvergabe einher.

„Im dritten Quartal 2017 betrug das Wohnungsbaukreditwachstum 3,9 Prozent im Vorjahresvergleich, im Jahr 2016 lag es bei 3,7 Prozent. Dies ist nur etwas mehr als die Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts von 3,3 Prozent“, konstatierte die Bundesbank. Sie verwies zudem darauf, dass diese Rate seit den 1980er Jahren im Durchschnitt bei 4,8 Prozent gelegen habe. Außerdem sei die Verschuldung der Haushalte, gemessen an den verfügbaren Einkommen, leicht zurückgegangen.

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November 29, 2017 03:00 ET (08:00 GMT)

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