Luthers Mobilmachung gegen die Macht des Geldes: Für Luther passte das Liebesgebot des Evangeliums nicht …

Für Luther passte das Liebesgebot des Evangeliums nicht zur Geldwirtschaft. Als Fundamentalchrist wetterte er gegen die „Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse“ – und schürte Vorbehalte gegen Geld und Unternehmertum.

Vielleicht nimmt Lucas Cranach, Hofmaler des sächsischen Kurfürsten, am Vormittag des 7. April 1539 ein paar Ausbesserungen an seiner „Hirschjagd vor Schloss Hartenfels“ vor, um sich ein wenig abzulenken. Doch Ruhe findet der Bürgermeister von Wittenberg nicht. Eine Mäuseplage im Herbst und eine Dürre im Frühjahr haben die Stadt heimgesucht, es ist kein Mehl mehr aufzutreiben, die Menschen leiden Hunger. Am Nachmittag klagt Martin Luther im Stadtrat, dass Wittenberg „weder an brot noch anderm“ ausreichend versorgt und alles Lebensnotwendige überdies „seer thewer“ sei – als ob Cranach das nicht selber wisse.

Er und Luther sind seit Jahren eng befreundet: Cranach, Mitte 60, Grundeigentümer, Buch- und Papierhändler, stolzer Verleger des Septembertestaments und Inhaber des Monopols zur Anfertigung von Martin-Luther-Porträts – und Luther, Mitte 50, der frommzornige Mönch, der die Kirche gespalten hat, den Papst einen Antichristen nennt und überall den Teufel am Werk sieht. Abends, in der Tischrunde, belehrt Cranach den Reformator über die Machtlosigkeit des Magistrats: Die Grundherren horteten Getreide, weil sie auf eine Zunahme der Not und eine Zunahme ihrer Gewinne spekulierten. Luther ist entsetzt. Umgehend schreibt er einen Brief an den Kurfürsten und fordert ihn zum Einschreiten gegen Adlige auf, die „so unverschämt wuchern zum Verderb von Land und Leuten“.

Unterdessen hat sich an diesem 7. April 1539 in Augsburg der Kaufmann Anton Welser an seinen Schreibtisch gesetzt, um einen Brief an Lienhart Tucher in Nürnberg zu schreiben. Der Kaiser hat dem Handelshaus der Welser im Gegenzug für eine ihm gewährte Anleihe die Statthalterschaft über Venezuela und ein Monopol für den Sklavenhandel eingeräumt. Die Welser handeln mit Menschen, Gold, Farbstoffen, Edelhölzern, sie betreiben Zuckerplantagen und verdienen prächtig. Allein die ständige Geldnot des Kaisers bereitet ihnen zunehmend Sorgen. Gleich nebenan scheffeln die Fugger Gold und Silber aus Indien herbei, auch sie füllen dem Kaiser die Kriegskasse, wieder und wieder, auf 14 Prozent Zinsen.

Wie lange kann das gut gehen? Warum wechselt der Kaiser so viel Geld nach Deutschland, mit den Fuggern und „mit unserer Gesellschaft“, fragt sich der Welser: Etwa um „Knechte damit anzuwerben … für die Venetianer oder gegen die Türken“? Oder doch um einen Zug gegen die deutschen Protestanten vorzubereiten? Was, wenn der Kaiser den Krieg nach Deutschland trägt? Was, wenn er eines Tages seine Schulden nicht mehr begleichen kann? Und was, wenn er im Falle eines Bankrotts die Verbindlichkeiten der katholischen Fugger bevorzugt bedient?

Kapitalismus und Christentum

Alles, was Cranach und Luther, die Welser und Fugger an diesem 7. April 1539 in Wittenberg und Augsburg beschäftigt, treibt die Wirtschaftswelt noch heute um: inflationäre Staatsschulden und gewinnsüchtige Spekulanten, die Globalisierung der Ökonomie und die Konzentration des Finanzkapitals, die Produktion von Billiggeld und die Interessenverflechtung von Politik und Kapital. Und doch hat Luther das Entstehen der modernen Marktgesellschaft damals allenfalls gespürt, nicht verstanden. Sein Leben war ganz Gott und Glaube, und die Vorstellung einer modernen Geld-Gesellschaft war ihm vollkommen fremd. Luthers Denken kreiste um das Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit und leitete sich unmittelbar aus den Geboten der Bibel ab. Sein Reformeifer adressierte Rom und das Papsttum, die „Freiheit des Christenmenschen“, das Abendmahl und die Säuglingstaufe; sein Leben als schreibender Mönch und Kirchenreformer widmete er der bußfertigen Erfahrung von Gott und dessen Gewährung grundloser Gnade.

Katholischer als der Papst

Für die Entwicklung einer noch so rudimentären Wirtschaftstheorie fehlte es Luther an Erfahrung, Kenntnis und Interesse. Seine Invektiven gegen Spekulation und Monopole, Zinsnahme und Gewinnstreben waren alltagskonkret, unsystematisch und weitgehend orientiert an der Tradition seit Aristoteles und Thomas von Aquin. Wonach ihm der Sinn stand, war keine Analyse der Wirtschaftsform seiner Zeit. Ihm lag an der Verchristlichung des Einzelnen, an der Hebung der allgemeinen Sittlichkeit – an einem Lebensalltag, der in der festen Burg des Glaubens eingeschlossen war.

Andererseits hat Luther die weltbelebende Kraft des Geldes als handfeste Bedrohung des Glaubens machtvoll empfunden und sehr genau geahnt, dass die „Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse“ das Liebesgebot des Evangeliums sprengt. Sein Veto gegen den Ablasshandel ist nicht nur ein Veto gegen die Kommerzialisierung des Heiles und die Frömmigkeitswirtschaft der Institution Kirche, sondern gegen die Entgrenzung des Geldes an sich.

Luther weiß nicht vom Anfang des Thesenanschlags (1517) an, dass er mit der Ablassfrage Grundsätzliches verhandelt, aber im Laufe der Jahre wird ihm klar: Das Freikaufen von Frevel und Laster, durch Stiftungen, Schenkungen, Reliquienkauf und soziale Wohltaten, ist selbst ein Frevel. Wenn „Sünde“ sich mit monetarischen Mitteln vergelten und „Schuld“ sich in Form von Schulden tilgen lässt, wenn dem Geld das Vermögen innewohnt, „Gnade“ zahlenhaft auszudrücken, und „Buße“ zu einer bloßen Tauschware degradiert wird, ja: Wenn dieses menschengemachte Geld sogar die Macht besitzt, mit „Gott“ das schlechthin Unverfügbare in Händel zu verstricken, dann droht sich alles „Credo“ in Kredit aufzulösen – dann ist das nicht mehr die Welt, in der sich Gottesmenschen wie Luther aufgehoben fühlen können.

Luther war, wenn man so will, katholischer als der Papst. Für ihn war Gottes Wirken unergründlich und „die vernunft des teuffels hure“ – gerade deshalb bekämpfte er den Ablass als satanisches Finanzprodukt des Vatikans, als Produkt menschlicher Anmaßung – als protokapitalistische Basisinnovation, die alles Heilige korrumpiert. Luther beharrte darauf, dass Christentum und Geldwirtschaft sich nicht vertragen, und er verzögerte mit seinem protestantischen (Rück-)Besinnungsprojekt die Entwicklung zur neuzeitlichen Besitzbürgergesellschaft in Europa um 200 Jahre. Es ist historischer Unfug, wenn er uns heute in Sonntagsreden als Wegbereiter eines „protestantischen Geistes“ vorgestellt wird, eines christlich-diesseitigen Arbeitsethos, in dem die Prinzipien der Marktwirtschaft oder das Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ vorgeprägt seien. Luther dachte nicht mal im Traum daran. Im Gegenteil. Insofern er die alle Bereiche des Lebens durchdringende Multidimensionalität des Geldes als Kapital, Kredit, …

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