Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar UN-Kriegsverbrecher-Tribunal Wider die Barbarei Dirk Müller

Bielefeld (ots) – Das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal beschließt seine Existenz mit einer dramatischen Schlussszene. Der Gerichtssaal wird zum Tatort, der Suizid des bosnisch-kroatischen Militärführers Slobodan Praljak (72) macht den Prozess selbst zum Gegenstand von Ermittlungen. Zu klären etwa ist die Frage, wie ein Angeklagter ein Fläschchen mit einer noch unbekannten, aber offenbar tödlichen Substanz mit zur Urteilsverkündung bringen und zu sich nehmen konnte. Slobodan Praljak – das hat er in seinen letzten Worten lautstark zu erkennen gegeben – sah sich als verfolgte Unschuld, zu Unrecht als Kriegsverbrecher verurteilt. Sein Selbstmord sollte da wohl ein Fanal setzen, die Selbsttötung als theatralischer Nachweis vermeintlicher soldatischer Ehre. Diese Verblendung verbindet viele der 161 Angeklagten in der Geschichte des Tribunals, bezeichnenderweise unabhängig davon, welcher der Kriegsparteien sie in den Gemetzeln im Ex-Jugoslawien der neunziger Jahre angehörten. Erst in der vergangenen Woche machte Ratko Mladic – als bosnisch-serbischer General etwa für die Ermordung von mehr als 8.000 muslimischen Männern in Srebrenica verantwortlich – pöbelnd klar, was er vom Urteil der Den Haager Richter hielt. Doch das UN-Tribunal, das nun fast ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung durch den Weltsicherheitsrat das letzte Verfahren gegen Verbrecher des Krieges in Bosnien-Herzegowina abschloss, hat großartige Arbeit geleistet. Daran ändert auch die Selbsttötung Praljaks nichts, die natürlich nicht hätte geschehen dürfen. Die Richter mussten in Abgründe der Unmenschlichkeit blicken, sich sachlich und rational auf die Spuren von Hinrichtungen, Vertreibungen, Folter, Massenvergewaltigungen machen, um die Schuldigen zu überführen und zu bestrafen. Die Kriege um Ex-Jugoslawien haben gezeigt, wie dicht die blanke Barbarei auch in Europa noch unter der brüchigen Oberfläche der Zivilisation lauert. Auch wenn viele der 84 Verurteilten von ihren unbelehrbaren Anhängern weiter als Helden gefeiert werden, hat das Tribunal der Welt gezeigt: Auch die Herren des Krieges kommen nicht ungeschoren davon.

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