ROUNDUP 2: Beate Uhse insolvent – Geschäfte laufen weiter

(neu: mehr Details und Hintergrund)

FLENSBURG (dpa-AFX) – Sex-Pleite im hohen Norden: Wegen drohender
Zahlungsunfähigkeit hat der Erotikhändler Beate Uhse am Freitag beim Amtsgericht Flensburg die Eröffnung eines
Insolvenzverfahrens für die Holding beantragt. Die operativen
Tochtergesellschaften arbeiten unverändert weiter und der Vorstand
sei zuversichtlich, das Unternehmen in Eigenverwaltung sanieren zu
können, teilte der Konzern in Flensburg mit. Unmittelbar betroffen
sind damit zunächst nur zehn Mitarbeiter in der Holding, für die
Insolvenzgeld beantragt werde. Insgesamt beschäftigt Beate Uhse 345
Mitarbeiter (Vollzeitstellen).

Der Insolvenzantrag ist der vorläufige Schlusspunkt einer langen
Leidensgeschichte. Auslöser waren letztlich gescheiterte Bemühungen,
frisches Geld für den Konzern zu mobilisieren und eine hochverzinste
Anleihe über 30 Millionen Euro umzuschulden. Die tatsächliche
finanzielle Lage des Unternehmens ist intransparent, weil kein
Jahresabschluss für das Jahr 2016 und keine Zwischenberichte für
2017 vorliegen. Der Vorstand hatte die Veröffentlichung der Zahlen
mehrfach aufgeschoben und vorläufige Zahlen und Prognosen
korrigiert. Zuletzt hieß es, der Verlust (Ebit) habe für 2016 bei
6,2 Millionen Euro gelegen, bei einem Umsatz von 103 Millionen Euro.
Den Geldbedarf für die nächsten Monate bezifferte der Vorstand im
Oktober auf den „oberen einstelligen Millionenbereich“, also fast
zehn Millionen Euro.

Die 2001 gestorbene Unternehmerin Beate Rotermund-Uhse gehört zur
Gründergeneration der deutschen Wirtschaft im Westen nach dem
Zweiten Weltkrieg. Sie eröffnete in Flensburg den ersten Sexshop der
Welt und etablierte sich als eine der bekanntesten Marken
Deutschlands. Doch seit vielen Jahren agierte das Unternehmen
glücklos, verlor Geld und Marktanteile und wurde von Jahr zu Jahr
kleiner.

Schonungslos analysiert der heutige Vorstand die Vergangenheit: „Die Gruppe hat in den letzten Jahren unter zahlreichen
Managementwechseln und strategischen Fehlentscheidungen gelitten.
Der Ausbau des Online-Handels wurde zögerlich und unsystematisch
betrieben, wichtige Entwicklungen im stationären Handel wurden
verpasst, die Produktpolitik war nicht strategisch, sondern zufällig
und reaktiv.“ Zudem hätten die Online-Verkaufskanäle und die
Filialen jeweils ein Eigenleben geführt und kein nahtlos
übergreifendes Einkaufserlebnis geboten. Vorstandschef Michael
Specht, seit April an der Spitze des Erotikhändlers, will nun die
Unternehmensgruppe als Ganzes sanieren.

Nach Ansicht von Branchenexperten hat Beate Uhse vor allem zu
spät das Ruder herumgeworfen in Richtung E-Commerce. Newcomer wie
Eis.de und Amorelie holten mit einem frischeren Auftritt und
modernerer Ansprache die Kunden im Internet ab. Ein Großteil des
einschlägigen Sortiments wird zudem über die Handelsplattform Amazon
verkauft. Wer dort zum Beispiel nach einem Vibrator
für Frauen sucht, bekommt mehrere Dutzend Modelle in diversen
Variationen präsentiert. Angaben über den Umsatz der Erotikbranche
insgesamt sind nicht zu bekommen; zu unübersichtlich ist die
Vielfalt der Händler und Vertriebswege und zu unscharf die
Abgrenzung im Bereich Wäsche, Dessous oder Kosmetik.

Das Internet hat auch einen zuvor sicheren Umsatzträger bei Beate
Uhse vernichtet: Pornofilme, die schon zu Zeiten der Super-8-Filme
zum Beate-Uhse-Sortiment gehörten, sind heute gratis und unbegrenzt
im Internet verfügbar. Mit Video-Kassetten und DVDs ist kein
Geschäft mehr zu machen. Beate Uhse reagierte durchaus und versuchte
schon lange, Paare und junge Frauen als Kunden zu gewinnen. Das
Sortiment wurde mehrfach verändert, das Logo feminisiert, der
berühmte Katalog eingestellt, doch nichts konnte den Niedergang
stoppen. Die Kunden verbinden mit Beate Uhse ein leicht
angeschmuddeltes Image von Porno, Rotlicht und Bahnhofsviertel und
bestellen ihre Love Toys, Dessous oder Gleitmittel bei der
Konkurrenz.

Die Zukunft hängt nun vom Erfolg des Vorstandschefs Specht ab,
aber vor allem von den Eigentümern, vorneweg dem niederländischen
Unternehmer Gerard Cok und den schleswig-holsteinischen Sparkassen. „Die wesentlichen Gläubiger des Unternehmens stehen der Sanierung im
Rahmen eines Eigenverwaltungsverfahrens positiv gegenüber und haben
ihre Unterstützung für den Sanierungsprozess zugesagt“, heißt es in
der Mitteilung des Unternehmens. Das dürfte die letzte Chance sein.
Wenn Specht scheitert, bleibt nur die Erinnerung an einen großen
Namen./kf/egi/DP/jha

ISIN US0231351067 DE0007551400

AXC0205 2017-12-15/13:50

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