ROUNDUP: Wirtschaft pocht auf weitere Reformen in Indien – Modi bei Merkel

BERLIN/NEU DELHI (dpa-AFX) – Die deutsche Wirtschaft hat von
Indien weitere Reformen und eine stärkere Marktöffnung verlangt. „Mangelnde Rechtssicherheit, eine schwerfällige Verwaltung und
fehlende Infrastruktur“ machten Unternehmen Investitionen in dem
Land sehr schwer, sagte der Vorsitzende des
Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA), Hubert
Lienhard, am Montag vor den vierten deutsch-indischen
Regierungskonsultationen in Berlin. Dies gelte besonders für kleine
und mittelständische Firmen.

Zur Vorbereitung des Regierungstreffens an diesem Dienstag
empfing Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den indischen Premierminister
Narendra Modi am Montagabend im Regierungs-Gästehaus Schloss
Meseberg nördlich von Berlin. Bei dem Treffen beider Regierungen
soll es um eine Vertiefung der Zusammenarbeit in den Bereichen
Wirschaft, Wissenschaft, Technologie, Klimapolitik und
Entwicklungszusammenarbeit gehen. Auch der Anfang Juli anstehende
G20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländern dürfte zur
Sprache kommen.

Lienhard sagte vor einem deutsch-indischen Wirtschaftsforum mit
Merkel und Modi am Dienstagnachmittag: „Mit Blick auf Zölle und
weitere Handelshemmnisse muss Indien sich stärker öffnen, damit
unsere Unternehmen ihr Engagement im Land ausbauen.“ Die
Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien
müssten schnell wieder aufgenommen werden.

Nach einer aktuellen Studie würde die deutsche Wirtschaft von
solch einem Freihandelsabkommen kräftig profitieren. Deutschland
könne in diesem Fall mit einem um jährlich 4,6 Milliarden Euro
höheren Bruttoinlandsprodukt kalkulieren, berechnete das
Ifo-Institut im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Dies sei das
höchste mögliche Plus innerhalb der EU nach Großbritannien, das
aufgrund seiner Kolonialgeschichte besondere Beziehungen mit Indien
pflegt.

Ein Abkommen hätte nicht nur ökonomische Vorteile für beide
Seiten, sondern würde ein wichtiges Zeichen für den Freihandel
setzen, sagte Bertelsmann-Asienexpertin Cora Jungbluth mit Blick auf
den Brexit und Abschottungstendenzen der US-Regierung unter
Präsident Donald Trump.

In Deutschland würden besonders Hersteller von Kraftfahrzeugen,
Maschinen und Ausrüstung profitieren. Sie könnten ihre Wertschöpfung
um bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr steigern. Verlierer wären
demnach Dienstleister sowie die Textil- und Bekleidungsindustrie mit
einem erwarteten Minus von jeweils mehreren Hundert Millionen Euro.
Indien habe in diesen Bereichen – vor allem aufgrund niedrigerer
Löhne – einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.

Bereits seit 2007 laufen die Verhandlungen zwischen Indien und
der EU, sie liegen jedoch seit 2013 auf Eis. Die größten Hemmnisse
aus deutscher Sicht liegen im Auto- und Pharmasektor. Wer fertig
montierte Pkw nach Indien einführt, zahlt dafür je nach Größe des
Fahrzeugs zwischen 60 und 100 Prozent des Neupreises. In der
Pharmabranche hakt es besonders beim geistigen Eigentum. Indiens
gigantische Industrie für Generika (Nachahmer-Medikamente), die nach
Ablauf des Patentschutzes von Originalmitteln günstiger auf den
Markt kommen, wird geschützt durch sehr strikte Gesetze.

Indien ist eines der am schnellsten wachsenden Schwellenländer.
In diesem Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent
erwartet. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Indien betrug
laut APA im vergangenen Jahr rund 17 Milliarden Euro. Davon waren
knapp zehn Milliarden Euro deutsche Exporte. Der Bestand deutscher
Investitionen in Indien belief sich Ende 2015 auf knapp 13
Milliarden Euro./hgo/bvi/smr/bk/DP/he

AXC0193 2017-05-29/19:41

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