ROUNDUP/Experte: ‚Schlagzeilen-Risiko‘ belastet Pfund bei Brexit-Gesprächen

LONDON (dpa-AFX) – Die Brexit-Verhandlungen zwischen
Großbritannien und der EU werden das britische Pfund nach
Einschätzung eines Experten weiter auf Berg- und Talfahrt schicken. „Das „Schlagzeilen-Risiko“ (headline risk) ist sehr hoch für das
Pfund“, sagte James Athey, Top-Manager beim Vermögensverwalter
Aberdeen Asset Management, der Deutschen Presse-Agentur.

Die zu erwartende Mischung aus euroskeptischen Aussagen, harten
Verhandlungsankündigungen und beschwichtigenden Tönen werde den Kurs
des Sterlings durcheinanderwirbeln. „Aber auf lange Sicht erwarte
ich viel Positives und daher einen Kursanstieg des Pfunds.“ Die
britische Währung war seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 um rund 20
Prozent zum Euro eingebrochen.

Die vorgezogene Neuwahl in Großbritannien am 8. Juni hingegen
werde kaum Auswirkungen auf den Kurs haben, sagte Athey. Die Märkte
hätten einen klaren Erfolg von Regierungschefin Theresa May und
ihrer konservativen Partei bereits in die Kurse eingepreist. „Viel
wichtiger für das Pfund sind die Wirtschaftsdaten, inwiefern die
Inflation weiter steigt, inwiefern die Gehälter nicht mit der
Inflation mithalten.“ Derzeit würden die Arbeitsmarktdaten darauf
hinweisen, dass das Jobwachstum „in angemessenem Tempo“ andauere. So
seien in den vergangenen drei Monaten in Großbritannien rund 122 000
zusätzliche Arbeitsplätze entstanden.

Mit Blick auf die britische Wirtschaft zeigte sich Athey
zuversichtlich. „Etwa 95 Prozent der Unternehmen im Vereinigten
Königreich exportieren nicht in die EU“, sagte der Manager mit Blick
auf alle Betriebe im Land. „Es ist eine sehr London-zentrierte
Sicht, die Veränderungen wegen des Brexits durch die Augen globaler
Konzerne zu sehen, die viel anfälliger sind für globale Probleme.“
Vielmehr werde die breite Mehrheit der britischen Firmen keine
Veränderung erleben. Die „sehr flexible und sehr offene“ britische
Wirtschaft sehe bereits jetzt ein größeres Wachstum im Handel mit
Ländern außerhalb der EU als mit der Gemeinschaft.

Zugleich räumte Athey ein, dass Großbritannien bisher keine
ausbalancierte Wirtschaft habe – zu abhängig von Konsum und
Importen. Dadurch sei ein großes Außenhandelsdefizit entstanden, das
wiederum zu „einem Stück weit Verletzlichkeit und Instabilität“
geführt habe. Daher sei der Kursrutsch des Pfunds nur zu begrüßen: „Der starke Fall des Sterlings war eine der natürlichsten
Ausbalancierungen dieser früheren Unausgewogenheiten.“ Ein schwaches
Pfund zu Euro und US-Dollar macht Exporte britischer Unternehmen
günstiger.

Für die Zukunft erwartet Athey ein größeres wirtschaftliches
Engagement der britischen Regierung in einigen Bereichen, die bisher
stark von der EU gefördert wurden. London müsse diese Lücke füllen.
Anlass zu großen Hoffnungen biete die Fischindustrie, die – „teils
wegen Missmanagements, teils wegen schlechter EU-Entscheidungen“ -
in miserablem Zustand sei. „Diese Branche kann sehr schnell einen
wichtigen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt beitragen“, sagte Athey. „Wir haben sehr reiche Fischgründe, die müssen wir stärker
anzapfen.“/bvi/DP/zb

ISIN GB0000031285

AXC0008 2017-05-27/11:35

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