So denkt die Welt über die Bundestagswahl: Deutschland wählt und die Welt schaut nach Berlin. Wie berichten …

Deutschland wählt und die Welt schaut nach Berlin. Wie berichten Medien in den USA, Russland, China oder Indien über die bevorstehenden Wahlen? Handelsblatt-Korrespondenten geben eine Übersicht.

Einen Tag vor der Bundestagswahl blickt nicht nur Deutschland gespannt nach Berlin. Auch der Rest der Welt beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die größte Wirtschaftskraft Europas in den nächsten vier Jahren ausrichtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in vielen Ländern als „Fels in der Brandung“, „Flüchtlingskanzlerin“ und mächtigste Frau der Europäischen Union gesehen.

Ob Brexit, griechische Sparauflagen oder die Beziehungen zur Türkei – mit wem sie regieren wird, ist auch im Ausland eine viel diskutierte Frage. Besonders zwei der kleineren Parteien sorgen international für große Diskussionen. Unsere Korrespondenten geben eine Übersicht.

Frankreich

In Frankreich beobachtet man die Bundestagwahl sehr genau. Viele Menschen interessieren sich für Deutschland, und sie wissen, dass Angela Merkel aller Voraussicht nach den Wahlsieg in der Tasche hat. Sie sehen aber auch, dass es möglicherweise eine neue Koalition unter Einschluss der FDP geben wird. Bei denen, die sehr europafreundlich sind, kommt die Befürchtung auf, dann seien keine Fortschritte in der Eurozone mehr möglich. Die FDP hat sich in ihrem Wahlprogramm eindeutig gegen eine vertiefte Integration der Eurozone ausgesprochen. Auch bei der Verteidigungspolitik bzw. dem Aufbau einer gemeinsamen Rüstungspolitik könnte es Probleme geben, da die FDP eine striktere Kontrolle von Waffenexporten verlangt.

Bei wirtschaftsnahen Beobachtern überwiegt dagegen der Optimismus: „Nach der Bundestagswahl werden wir eine Reihe von deutsch-französischen Zusammenschlüssen sehen“, sagt einer von ihnen. Im Handel und in der Energiewirtschaft könnte es Annäherungen zwischen deutschen und französischen Unternehmen geben. Präsident Emmanuel Macron wird unmittelbar nach der Wahl, vielleicht schon am Dienstag, seine ersten Vorschläge für eine „Neugründung Europas“ formulieren.

Großes Interesse besteht für das Abschneiden der AfD. Viele Franzosen befürchten, dass die Rechtsextremen mit einer großen Fraktion in den Bundestag einziehen und dass der Rechtspopulismus in Europa einen neuen Auftrieb bekommen könnte. Das wäre besonders bedauerlich, weil der Front National in Frankreich gerade in einer tiefen Krise steckt und stark an Attraktivität eingebüßt hat.

Thomas Hanke

Großbritannien: Hoffen auf Merkel

In Großbritannien wird der deutsche Wahlkampf aufmerksam verfolgt, obwohl er aus Sicht der Briten unfassbar dröge ist. „Eine Schande für Deutschland“, stöhnte der Berlin-Korrespondent des „Economist“ nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Statt über die großen Fragen zu streiten, habe man sich mit Nichtigkeiten aufgehalten.

Doch Merkel fasziniert die Briten, nicht zuletzt, weil sie schon länger regiert als die beiden erfolgreichsten Nachkriegspremiers Margaret Thatcher (11 Jahre) und Tony Blair (10 Jahre). Dass die Kanzlerin wiedergewählt wird, gilt auf der Insel als ausgemachte Sache. Nach der Flüchtlingskrise 2015 schien es, als sei Merkel verwundbar, schrieb der „Daily Telegraph“. Doch nun sehe es so aus, „als habe sie eins der sensationellsten politischen Comebacks unserer Zeit geschafft“.

Die deutsche Langeweile gilt vielen Briten als wohltuend, da ihnen der Dauerzirkus der eigenen Brexit-Regierung gehörig auf die Nerven geht. Es wird registriert, dass die AfD größte Oppositionspartei werden könnte. Doch erscheint die Gefahr eines Rechtsrucks nicht so groß wie in anderen europäischen Ländern. Dass die Deutschen weiterhin die Mitte wählten, sei eine gute Nachricht für Europa und die liberale Demokratie, kommentierte der „Guardian“. Das zeige, dass die populistische Welle auf dem Kontinent vermeidbar sei.

Im Londoner Regierungsviertel Westminster wird vor allem über mögliche Koalitionen nach der Wahl spekuliert. Brexit-Befürworter hoffen auf die FDP: Als Sprachrohr des deutschen Mittelstands würden die Liberalen auf einem guten Handelsdeal mit Großbritannien bestehen. Ebenso hoch sind die Erwartungen an Merkel. Die Kanzlerin soll Schwung in die Brexit-Verhandlungen bringen und die vermeintliche Blockadehaltung der EU-Unterhändler durchbrechen. „Der Brexit wird sich beschleunigen, wenn Merkel gewonnen hat“, kommentiert der „Telegraph“. Der „Guardian“ hingegen warnt die Regierung vor einer Enttäuschung: „Die deutsche Brexit-Politik wird sich wahrscheinlich nicht ändern“.Carsten Volkery

Österreich: Sozialdemokraten bangen mit Schulz

Österreich schaut mit großem Interesse auf Deutschland, denn die Alpenrepublik wählt selbst am 15. Oktober ein neues Parlament. Die Medien im Nachbarland berichten ausführlich über das Duell um das Kanzleramt in Berlin, bei dem bislang wenig Spannung aufgekommen ist. In Wien schießen bereits seit Wochen die Spekulationen ins Kraut, wie heftig die Niederlage der SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz ausfallen wird. Das Interesse am Wahlerfolg der deutschen Sozialdemokraten kommt nicht von ungefähr. Denn der österreichischen Schwesterpartei SPÖ droht der Machtverlust.

Schließlich steht mit Christian Kern in Österreich ein sozialdemokratischer Kanzler zur Wiederwahl. Dem seit Mai 2016 regierenden Manager werden nach den letzten Umfragen kaum Chancen auf den Sieg noch eingeräumt. Sein Herausforderer, der 31-jährige Außenminister Sebastian Kurz, hat die Nase seit dem Aufkündigen der Großen Koalition vorn. Eine herbe Niederlage der SPD wäre daher für den österreichischen Bundeskanzler höchst unwillkommen. Der frühere Bahn-Chef bräuchte vielmehr Rückenwind aus Berlin für seinen eigenen Wahlkampf, der bislang vor allem durch Pech und Pannen gekennzeichnet war.

An einem Sieg von Kanzlerin Merkel zweifelt in Wien unterdessen niemand – genauso wenig wie an einer Fortführung der bisherigen deutschen Außenpolitik. Die Zeiten, in denen zwischen Berlin und Wien außenpolitisch kein Blatt Papier gepasst hätte, sind bereits seit 2015 längst passé. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz hatte die deutsche Kanzler und ihre Flüchtlingspolitik immer wieder kritisiert. Kurz steht politisch der CSU unter ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer sehr nahe. Auch mit Positionen der ungarischen Regierung unter dem rechtspopulistischen Premier Viktor Orbán gibt es manche Übereinstimmung. Das Verhältnis zwischen Merkel und Orbán gilt hingegen, gilt als ausgesprochen schwierig.Hans-Peter Siebenhaar

Spanien: Neidvoller Blick auf die Große Koalition

Spanien verfolgt die Wahl in Deutschland sehr aufmerksam, obgleich sie deutlich seltener Thema ist als es die brisanten Urnengänge in Großbritannien oder Frankreich waren. In Cafés und Bars ist die Bundestagswahl kein Thema – das Ergebnis scheint vor Überraschungen sicher und markiert für viele eher ein beruhigendes Ende der Wackel-Wahlen in vielen anderen europäischen Ländern in den vergangenen Monaten.

Auch die spanischen Parteien, die vor der Frankreich-Wahl noch Stellung zu Macron bezogen hatten, halten sich zurück. Das mag allerdings auch daran liegen, dass sie seit Anfang September vor allem damit beschäftigt sind, den Aufstand der Separatisten in Katalonien zu bekämpfen. Die haben für den 1. Oktober zu einem Referendum über die Trennung von Spanien aufgerufen, das gegen die Verfassung verstößt.

Mit gewissem Erstaunen blickt Spanien auf die große Koalition in Deutschland. Viele Beobachter halten sie für ein erstrebenswertes aber wohl unerreichbares Vorbild für Spanien. Die spanischen Politiker sind nach Jahrzehnten der Zweiparteienherrschaft in so inniger Feindschaft verbunden, dass im vergangenen Jahr Neuwahlen nötig wurden, nachdem zwei neue Parteien das Gefüge durcheinander gebracht hatten und sich die Volksvertreter partout auf keine Koalition einigen konnten.

Den Spaniern, die so sehr an die Antipode zwischen rechts, links und extrem links gewöhnt sind, erklären die Medien, dass es in Deutschland kaum inhaltliche Unterschiede in den Parteiprogrammen gebe. Immer wieder wird dafür das Fernsehduell zwischen Merkel und Schulz zitiert, in dem es „nur noch gefehlt hat, dass der eine zustimmend nickt, wenn der andere redet“, schreibt die spanische Zeitung El País.

Die Kehrseite dieser Gleichförmigkeit sei, dass sie der rechtsextremen Partei AfD Raum gelassen habe. Deren möglichen Einzug in den Bundestag sehen die Spanier als Phänomen, aber nicht als Gefahr. Er sei vor allem Folge der Flüchtlingskrise, auf die Merkel inzwischen mit einer strengeren Einwanderungspolitik und dem Abkommen mit der Türkei reagiert habe.

Die alte und vermutlich neue Bundeskanzlerin hat in Spanien einen uneingeschränkt guten Ruf. „Wenn es nicht die deutsche Obsession zur Diskretion geben würde und den Widerwillen dagegen, im Mittelpunkt zu stehen, wäre Merkel schon als Führerin der freien Welt anerkannt“, schreibt El País. „Das gilt insbesondere seit Obama das Weiße Haus verlassen hat und durch den griesgrämigsten, erratischsten und unverantwortlichsten Präsidenten ersetzt worden ist, der je die Regierung in Washington geleitet hat.“

Merkels Gegenkandidat Martin Schulz kommt dagegen kaum mehr in der Berichterstattung vor. Die Online-Zeitung El Confidencial schreibt „Seine ursprüngliche Botschaft, der Kampf gegen die Ungleichheit, hat in einem Land, in dem die Reichen noch reicher sind und die Gehälter trotz des Wohlstands stagnieren, keine Wirkung erzielt.“

Sandra Louven

Griechenland: Hellas fiebert mit

Ein Kafeneion im Athener Arbeitervorort Keratsini. Es ist früher Nachmittag. Trotzdem ist das Kaffeehaus gut besucht. Viele hier sind arbeitslos. Im Fernsehen laufen die Nachrichten. Die Männer im Kafeneion schauen interessiert zu. Nach einem Bericht über die jüngste Ölpest an den Athener Stränden erscheint Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Bildschirm – ein Bericht über den Wahlkampf in Deutschland. Auf Merkel folgt Schulz. Der sagt, laut griechischer Übersetzung, sinngemäß: Deutschland habe Besseres verdient. Da kann einer der Männer nicht an sich halten und muss laut lachen. „Ihr habt null Arbeitslosigkeit, Wohlstand, sichere Renten – und das reicht Euch noch nicht? Es soll noch besser werden?“

So unterschiedlich können die Perspektiven sein. Viele Gespräche in Griechenland drehten sich in den vergangenen Wochen um Angela Merkel, Martin Schulz und die bevorstehende Wahl. Das Thema beschäftigt die Menschen. Griechenlands größte Zeitung „Ta Nea“ widmete dem Bundestagswahlkampf am vergangenen Wochenende eine 16-seitige Sonderbeilage: „Deutschland wählt, Europa hofft“. Auch viele Griechen hoffen – auf einen Wahlausgang, der ihrem Land hilft. Schließlicht möchte die Athener Regierung im August 2018 das Anpassungsprogramm erfolgreich abschließen und das Land nach dann acht Jahren „Spardiktat“ aus der Vormundschaft der internationalen Gläubiger befreien.

Aber dabei muss vor allem Deutschland mitspielen. Merkel und ihr strenger Finanzminister Wolfgang Schäuble personifizieren in den Augen der meisten Griechen die Sparauflagen, die dem Land die längste und tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte beschert haben. Noch 2013, bei der letzten Bundestagswahl, waren Merkel und Schäuble deshalb die meistgehassten ausländischen Politiker in Griechenland. Alexis Tsipras, damals noch Oppositionschef, bezeichnete Merkel als „gefährlichste Politikerin Europas“, weil sie in den Krisenländern eine „humanitäre Katastrophe“ anrichte. Inzwischen hat sich das Verhältnis deutlich entspannt.

Als Premier hat Tsipras erkennen müssen: Ohne Merkel läuft nichts in Europa, gegen sie schon gar nicht. Die Kanzlerin ist deshalb für ihn vom roten Tuch zu einer wichtigen Partnerin geworden. Und nun geht Merkel als Favoritin in die Bundestagswahl. Tsipras wird sich deshalb weiter mit ihr arrangieren müssen – und möglicherweise mit Schäuble als altem, neuen Finanzminister.

Wenn schon Schäuble, dann hofft man in Athen wenigstens auf eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten – und deren mäßigenden Einfluss. Im Herbst will Tsipras das Thema Schuldenerleichterungen auf die Tagesordnung bringen. Dabei hofft er auf die Unterstützung der SPD. Martin Schulz hat man aus seiner Zeit im Europaparlament als Freund der Griechen in Erinnerung. Zu Tsipras hielt Schulz schon engen Kontakt, als der noch Athener Oppositionschef war. Als einer der ersten ausländischen Politiker kam Schulz im Februar 2015 wenige Tage nach dem Regierungsantritt von Tsipras nach Athen. Die beiden können miteinander. Umso größer ist die Enttäuschung in Tsipras‘ Umgebung, dass Schulz seinen anfänglichen Höhenflug in den Meinungsumfragen nicht durchhalten konnte.

Eine mögliche Beteiligung der FDP an der nächsten Bundesregierung sieht man dagegen nicht nur in griechischen Regierungskreisen sondern auch bei der konservativen Opposition mit großem Unbehagen. Wenn es zu einer Koalition mit dem Liberalen komme, „dann werden wir uns sogar nach Schäuble zurücksehen“, prophezeit Stelios Kouloglou, Europa-Abgeordneter des regierenden Linksbündnisses Syriza. Denn FDP-Chef Christian Lindner …

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