Volkswirte: Berliner Hängepartie bremst Konjunkturmotor nicht

NÜRNBERG (dpa-AFX) – Das Scheitern der Berliner
Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition wird nach
Einschätzung von Konjunkturexperten nicht zum Bremsklotz für den
deutschen Konjunkturmotor werden. Vielmehr sei angesichts der guten
Auftragslage in vielen Unternehmen weiterhin mit einem starken
Wachstum der Wirtschaft zu rechnen; dieses dürfte 2018 sogar noch
stärker als 2017 ausfallen, prognostizierten Volkswirte deutscher
Großbanken in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur.

In mehreren Geldhäusern steht die Anhebung der Wachstumsprognose
kurz bevor. Erste Banken haben die Latte bereits hoch gesetzt. So
rechnet die Allianz für 2018 mit einem Wachstum des
Bruttoinlandprodukts von 2,3 Prozent, wie Volkswirt Rolf Schneider
sagte. Auch nach Einschätzung des BayernLB-Ökonomen Stefan Kipar ist
das Bruttoinlandsprodukt (BIP) „weiter aufwärts gerichtet“; er
erwartet für 2018 ein Wachstum von „um die 2 Prozent“. 2017 dürfte
es bei 1,8 bis 2,0 Prozent liegen.

„Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen sehen wir kaum
Reaktionen in der Wirtschaft. Das hat keine direkten ökonomischen
Auswirkungen“, sagte etwa Deutsche-Bank-Ökonom Marc Schattenberg.
Diese Einschätzung teilt sein Kollege Eckart Tuchtfeld von der
Commerzbank und verweist auf das Grundgesetz, das für den Fall einer
schwierigen Regierungsbildung ein geordnetes Verfahren vorsehe.

Für Schneider von der Allianz wäre allenfalls eine längere
politische Krise ein Problem. „Derzeit sehe ich darin aber keinen
nachhaltigen Belastungsschwerpunkt für die deutsche Wirtschaft.“
Dass Unternehmen wegen der Ungewissheit über die künftige Regierung
Investitionen zurückstellen, glaubt keiner der Experten. „Da muss
schon viel passieren, dass Unternehmen Deutschland als politisch
unsicher wahrnehmen“, meint Kipar von der BayernLB.

Von der robusten Konjunktur wird der deutsche Arbeitsmarkt nach
Einschätzung der Experten weiter profitieren. „Zum Jahresende sind
die Aussichten für Beschäftigte und Arbeitsuchende so gut wie lange
nicht mehr. Die Auftragslage der deutschen Wirtschaft ist exzellent,
die Kapazitäten werden ausgeweitet“, meint der Chefvolkswirt der
KfW-Bankengruppe, Jörg Zeuner.

„Vielen Unternehmen bereitet das allerdings zunehmend
Kopfzerbrechen. 100 Tage braucht ein deutsches Unternehmen heute im
Schnitt, um eine neue Stelle zu besetzen, doppelt so lange wie
2010“, gibt Zeuner zu bedenken. „Alarmierender Spitzenreiter ist die
Altenpflege, wo Heime mehr als 160 Tage brauchen, um eine offene
Stelle zu besetzen.“ Abgemildert werde das Problem derzeit von gut
ausgebildeten Zuwanderern.

Von der stabilen Beschäftigungslage hat auch der Arbeitsmarkt im
November profitiert. Nach Berechnungen der Volkswirte waren im zu
Ende gehenden Monat knapp 2,38 Millionen Männer und Frauen in
Deutschland arbeitslos. Das wären rund 10 000 weniger als im Oktober
und gut 150 000 weniger als vor einem Jahr. Mit dem Ende des
Herbstaufschwungs herrscht auf dem deutschen Arbeitsmarkt
saisonbedingt kaum noch Bewegung, bevor mit dem Winterbeginn die
Zahl der Erwerbslosen jahreszeitlich bedingt wieder etwas stärker
steigt./kts/DP/he

AXC0023 2017-11-26/14:39

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